Hunt for Trust - Berühre mich!

„Shadow eins eins Bravo null eins ... eine Einheit der US Armee hat Feindkontakt und benötigt Unterstützung. Ich gebe die Koordinaten durch“, vernehme ich den Hilferuf nur ganz leise, da er durch das laute Drehen der Rotorblätter fast verschluckt wird.

Bull, unser Troop Chief, gibt uns mehrere Handzeichen und zeigt somit mir und weiteren vier Männern an, was gleich auf uns zukommen wird ...

Als der Helikopter uns auf einem freien Feld nicht weit vom Einsatzort entfernt absetzt, folgen wir Bull hinter einen Hügel, gehen dort in Deckung, kriechen vorwärts und bekommen kurz darauf freie Sicht auf die zu unterstützende Einheit, die unter Vollbeschuss steht.

Aus den Häusern eines verlassenen Dorfes wird mit Dauerfeuer auf sie geschossen. Hinter einem der beiden Trucks liegt ein Schwerverwundeter, um den sich ein Kamerad kümmert, alle anderen versuchen, den Angreifern Herr zu werden. Bull gibt uns ein Zeichen, woraufhin wir unsere Sturmgewehre laden und in das Gefecht eingreifen.

Wenige Augenblicke später rast ein roter Pick-up mitten in das verlassene Dorf.

„Ausschalten, schaltet ihn aus!“, schreit Bull uns zu.

Gemeinschaftlich eröffnen wir das Feuer auf den Wagen und kurze Zeit später kommt der Pick-up einige Meter vor dem zweiten Truck der US Armee zum Stehen.

„Auf dem Hügel, da oben auf dem Hügel!“, schreie ich, als eine Kugel nur knapp neben mir einschlägt.

„Los ... los ... los, Kreuzfeuer. Die Kerle auf dem Hügel schießen uns sonst unsere Ärsche weg!“, ruft Bull.

„Ladehemmung“, höre ich Sami schreien.

„Zieh dich zurück“, befehle ich ihm und mache eine winkende Handbewegung.

Der Schusswechsel wird immer heftiger, und es wird auch Bull klar, dass es die Einheit selbst mit unserer Hilfe nicht schaffen wird.

„Ty!“ Als ich meinen Namen vernehme, weiß ich sofort, was Bull von mir will. Ich drehe mich auf den Rücken, lade den Rocket Launcher, drehe mich zurück auf den Bauch und ziele auf eines der Gebäude. „Rakete!“, schreie ich. Treffer!

„MG zwei zwei, hier ist Delta eins ... bitte um Feuerunterstützung ... zwei Gebäude zweihundert Meter nördlich unserer Position. Position markiert durch orangefarbene Flagge“, schreit Bull in das Headset und sieht in meine Richtung. „Hol die Flagge raus!“

Ich zerre das Stück Stoff aus dem Brustfach meiner Uniform und klemme es am Rucksack fest.

„Köpfe einziehen, geht in Deckung!“, schreit Bull nur 20 Sekunden später und wedelt mit dem Arm.

Ich nehme die Hände über dem Kopf zusammen und mache mich möglichst flach, als ein Helikopter über uns hinwegfliegt, die Gebäude beschießt und kurz darauf wieder abdreht.

„Los, wir gehen runter!“, weist Bull uns an.

Wir eilen zu der Einheit, die hinter den Trucks Deckung sucht, und für einen kurzen Augenblick herrscht eine fast gespenstische Stille um uns herum.

Doch sie wird nur Sekunden später von einem hellen, jämmerlichen Weinen unterbrochen. Ich riskiere einen Blick und entdecke in dem roten Pick-up eine mit Kopftuch verhüllte Frau, die bitterlich weint.

„Sie sagt, sie wurde angeschossen. Helft mir ... helft mir“, übersetzt Sami die Frau.

Keiner von uns bewegt sich, wieder herrscht absolute Stille, denn wir wissen leider genau, womit wir es da zu tun haben. Ich kneife bereits in Vorahnung die Augen zu, als mich Bulls Brüllen wieder ins Hier und Jetzt zurückreißt.

„Was machst du da?“, schreit er, und auch mir schießt dieselbe Frage durch den Kopf, als ich die Lider wieder aufreiße und sehe, dass Sami auf den Pick-up zu rennt.

„Komm sofort zurück!“, will ich meinen besten Freund davon abhalten, den größten Fehler seines Lebens zu begehen, aber er hört nicht auf uns, sondern läuft weiter unbeirrt auf den Pick-up und die schreiende Frau zu.

„Sami! Das ist eine Falle. Komm zurück!“, versucht es nun der Troop Chief.

„Verdammt ... Sami!“, brülle ich aus tiefster Kehle, will ihm noch hinterher hechten, doch nur Sekunden später fliegt der Wagen mit einem lauten Knall in die Luft.

Eine Feuerwolke steigt empor, es wird immer heißer ... ich bekomme immer weniger Luft ... schwarze Rauschwaden umhüllen uns ... ich drohe zu ersticken ...

Atemlos schnelle ich in die Senkrechte, versuche, mir den Helm vom Kopf und die Kleidung vom Körper zu reißen, doch da ist nichts. Schweiß rinnt mir über den Rücken und die Stirn. Ich fahre mir übers Gesicht, öffne die Augen und sehe mich um.

Es ist finster. Nichts als Dunkelheit um mich herum. Meine holprige Atmung und mein schnell schlagendes Herz beruhigen sich nur langsam wieder. Ich lasse mich zurück auf die Matratze sinken und falte die Hände auf dem Bauch. Ein Flashback! Besser gesagt DER Flashback, der mich seit jenem Einsatz vor vier Jahren mit meiner ehemaligen Spezialeinheit des Seal Teams 6 in Afghanistan verfolgt. Nacht für Nacht!

Und nach jedem Aufwachen stelle ich mir dieselbe Frage: Warum hat Sami das getan? Immer und immer wieder. Mein bester Freund kannte das Prozedere, unsere Anweisungen und die Gefahren, aber er ließ sich trotzdem von dieser Frau blenden. Bis heute bin ich nicht dahintergekommen, was ihn dazu bewog, auf diesen Pick-up zuzulaufen. Vielleicht erinnerte ihn die flehende, junge Frau an seine Schwester. Ich weiß es nicht.

 


Hunt for Desire - Halte mich!

Ich selbst bin kein Mann der großen Worte, sondern eher der Taten, deshalb spricht sie auch so mit mir. Kurz und knackig. Wunderbar, es gibt also wieder einen neuen Auftrag. Ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, um was es geht. Beschwingt verlasse ich das Bett, ziehe mich an und fahre nach Lower Manhattan.

Die Büroräume von Avas Kautionsagentur befinden sich im Erdgeschoss eines vierstöckigen Hauses, dessen Außenfassade mit ihrer weißen Stuckoptik neben den anderen Häusern und deren roten Ziegelmauern aus der Reihe fällt.

Ich parke meinen Wagen an der Straße und betrete das Gebäude eilig, denn wenn ich gerufen werde, gibt es für mich kein Halten mehr.

Wie erwartet begrüßt Stella – die Empfangsdame, die stets wie eine Nutte gekleidet ist - mich überschwänglich. „Hi, Finley! Na, wie geht‘s? Ich hab gehört, was für einen tollen Fang du gemacht hast.“

Die schlanke Blondine dreht sich eine Strähne ihrer langen Haare um den Zeigefinger und zieht mich nebenbei mit einem wollüstigen Blick aus. Soweit ich das mitbekam, versuchte die Gute schon bei jedem von uns zu landen, außer bei Ava, wobei ich mir nicht mal dessen sicher bin. Die Frau nimmt wirklich alles, was sie zwischen die Finger bekommt. Mich aber sicher nicht. Ich bin mit meinen beiden Grazien ausgelastet. Danke.

„Ist eben mein Job“, gebe ich unbeeindruckt zurück.

„Ava spricht gerade noch mit Jaden. Du kannst gern bei mir warten“, schlägt sie vor.

Ich klopfe mit der flachen Hand auf den Empfangstresen. „Bis später, Stella ... und nein, aus uns wird nichts, glaub es mir einfach.“

Das habe ich ihr schon so oft gesagt, aber die Frau will es einfach nicht kapieren. Ich meine, sie kann mich gern weiterhin anglotzen, wenn ihr gefällt, was sie sieht, das wird mich jedoch nicht daran hindern, ihr immer und immer wieder einen Korb zu geben.

Gerade als ich an Avas Bürotür klopfen will, wird diese von innen geöffnet.

„Also gut, dann beeil dich“, sagt unsere Chefin gerade zu Jaden.

Mein durchaus fähiger Kollege nickt und dreht sich so schwungvoll um, dass er mit mir zusammenstößt. Ich schubse den stark tätowierten, nach Rauch stinkenden Kerl von mir weg.

„Bleib ruhig, Alter“, beschwert er sich und zieht sich das Shirt gerade.

Seitdem ich mit ihm Sanchez erledigte, sondiert er mich – immer, wenn wir uns über den Weg laufen – ausgiebig. So auch jetzt wieder. Ich weiß genau, was in dem Ex-Knacki vorgeht. Er denkt, ich hätte eine persönliche Geschichte mit diesem Verbrecher, und was soll ich sagen? Ja, mein Kollege hat recht, aber es geht ihn verdammt noch mal nichts an. Er ist nicht mein Kumpel und ein Freund schon gleich dreimal nicht.

Ich kann ihn zwar seit der Aktion ein wenig besser leiden als vorher, respektiere ihn und seine Arbeit, aber das war es auch schon. Wir sind einfach zu verschieden, und dabei sollten wir es auch belassen. Jaden geht seinen Weg – den er ja neuerdings nicht mehr allein bestreitet – und ich gehe meinen. Also wird er sich irgendwann damit abfinden müssen, dass er nichts über mich weiß.

„Fertig mit gucken?“, frage ich genervt.

Jaden hebt die rechte Braue. Seine hellblauen Augen wirken kühl. „Finley, hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, wie ...“ Er unterbricht sich selbst, winkt ab und eilt davon.

Wie ... was? Nein, ich frage nicht, denn es hat mich noch nie interessiert, was andere über mich denken. Wenn ich ehrlich bin, ist es mir sogar scheißegal, und mögen muss man mich erst recht nicht.

„Komm rein“, weist Ava mich mit ihrer tiefen Stimme an.

Ich zwänge mich an der Frau vorbei, deren Teint fast so dunkel wie die Nacht ist, setze mich auf den weißen Lederstuhl, der vor ihrem ebenfalls weißen Schreibtisch steht, und nehme eine abwartende Haltung ein.

Ava nimmt auf ihrem Thron Platz - so wirkt dieser riesige Sessel hinter dem Tisch auf jeden Fall auf mich -, fährt sich über ihre Kurzhaarfrisur und atmet dabei hörbar aus.

„Wir haben einen neuen Fall und um den wirst du dich kümmern“, teilt sie mir mit und reicht mir eine Akte.

„Wie wäre es zuerst mal mit: Danke, Finley, dass du Peter Black zurückgebracht hast und ich jetzt nicht mehr auf den 500.000 Dollar sitze?“, fordere ich nun doch mein Lob ein.

Ava lehnt sich in ihrem Thron zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. Ihr Mund ist so gerade wie ein Lineal. „Du hast ihm durch die Hand geschossen.“

Ich zucke die Schultern. „Na und? Er lebt. Als ich ihn gefunden habe, war er kurz davor, sich selbst ‘ne Kugel in den Schädel zu jagen. Er wäre dir also tot lieber gewesen?“, frage ich ruhig, aber bestimmt.

„Nein, natürlich nicht, aber musst du immer ...?“

„Muss ich was? Meinen Job machen?“, falle ich ihr ins Wort.

Ich weiß, worauf Ava anspielt. Ich war, bevor ich bei ihr anfing, als Scharfschütze bei einem SWAT-Team des FBIs. Bester Scharfschütze, um genau zu sein. Mit meinem Kill Count war ich die unangefochtene Nummer eins, bis ich die Einheit verließ. Und das macht mir wohl auch keiner so schnell nach, dessen bin ich mir sicher.

Allerdings gefällt unserer Chefin nichts, was mit Waffen zu tun hat. Nicht so richtig jedenfalls, deshalb musste sie sich an meine Methoden erst gewöhnen. Ihr wäre eine unblutige Verhaftung immer lieber, aber das gestern war doch nun wirklich nur ein Kratzer. Sie soll sich mal nicht so haben.

„Du hast prima Arbeit geleistet“, lenkt sie schließlich ein.

Na also, geht doch.

„Und was hast du Neues für mich?“, frage ich, noch ehe ich die Akte öffne, die auf meinem Schoß liegt.

„Unfall mit Todesfolge und Fahrerflucht. Der Typ war ganz geständig und will sich in aller Ruhe und in Freiheit mit seinem Anwalt auf den Prozess vorbereiten. Irgendwie ist er mir aber zu glatt. Ich weiß nicht warum“, klärt sie mich auf.

„Du traust ihm also nicht?“

In Avas Augen blitzt leichte Unsicherheit auf. „Nicht hundertprozentig. Immerhin hat er eine 70-jährige Frau auf dem Gewissen.“

„Aber du hast ihm trotzdem die Kaution gestellt“, murmele ich.

„Ich verurteile Menschen nicht vorschnell, und im Zweifel hab ich ja euch. Speziell du hast ja gestern erst wieder bewiesen, was du draufhast“, merkt sie trocken an.

„Dann wollen wir mal sehen, wen wir da haben“, sage ich und schlage die Akte auf.

„Nikolai Chendler, Besitzer eines gut laufenden Restaurants in Brooklyn. Es besteht also nicht direkte Fluchtgefahr, behalte ihn aber dennoch gut im Auge“, weist Ava mich an. „Und auf was du noch achten solltest ...“

Während sie weiterspricht, verschwimmen ihre Worte zu mir nicht mehr verständlichen Satzschlangen, da das Foto des Mannes mich gefangen hält. Durch meinen Kopf jagen alte Szenen, die ich längst vergessen glaubte, doch nach und nach kehren sie in meinen Kopf zurück. Ohne Unterlass starre ich auf das Bild. Der Typ heißt nicht Nikolai. Ich kenne ihn, zumindest glaube ich das.

„Finley folgst du mir noch?“, reißt Avas Stimme mich aus der Trance.

Ich klappe die Akte zu. „Ja, alles verstanden.“

Sie riecht den Braten, das hier etwas nicht stimmt, sofort. „Irgendwie benimmst du dich merkwürdig“, findet sie.

Das, was da gerade durch meinen Kopf schwirrt, muss ich erst einmal allein verarbeiten und sortieren. Somit stehe ich auf, nehme die Akte an mich und verlasse Avas Büro im Eiltempo. „Wir hören uns später. Ich bring mich schon mal in Position“, erkläre ich noch hastig, schon im Schließen der Tür begriffen.

Wenn das wirklich der ist, von dem ich vermute, dass er es ist, dann habe ich einen großen, ach, was rede ich, riesigen Fisch an der Angel. Das FBI versucht seit Jahren vergeblich, ihm etwas nachzuweisen und ihn dingfest zu machen. Das Blatt könnte sich für ihn gerade gewendet haben.


(K)ein Motiv in Sachen Liebe

Ein leises, aber unaufhörliches Klopfen dringt durch meinen Gehörgang und hämmert gegen mein sich gerade abschaltendes Gehirn. Und je mehr ich versuche, es zu ignorieren, desto heftiger wird es. Was zum Teufel ist das?

Ich öffne die Augen und sehe mich um. Nichts! Ich habe es mir wohl eingebildet. Doch gerade als ich die Lider wieder zuklappen will, ertönt das Geräusch erneut. Mein Herz flippt augenblicklich aus und schlägt einen Salto Mortale in meinem Brustkorb. Meine Kopfhaut fängt Feuer und jede einzelne Haarwurzel scheint in Flammen zu stehen. Verdammt! Die Tür.

Ich könnte mich totstellen. Das wäre eine Möglichkeit. Oder aber ich benehme mich wie eine gestandene Frau und öffne. Vielleicht ist es ja auch gar nicht Jackson, sondern nur ... der Paketbote. Habe ich in letzter Zeit überhaupt etwas bestellt? Nein, mir fällt nichts ein. Schade.

Als es ein weiteres Mal klopft, stehe ich auf und gehe zur Wohnungstür. Ich reibe mir übers Gesicht, setze ein künstliches Lächeln auf und erstarre augenblicklich zu einer Salzsäule, als ich einen breit grinsenden Jackson vor mir sehe, der eine dunkelblaue Rose in der Hand hält.

„Hey ... die ist von Rose“, bemerkt er meinen skeptischen Blick und hält sie mir hin.

„Und ich dachte schon, das gehört zu deiner Verführungstaktik“, stichele ich und nehme sie an mich.

„Rose ist unten und drückte sie mir in die Hand. Ich soll dir schöne Grüße sagen“, richtet er mir aus.

„Sie weiß also, dass du hier bist. Na prima“, murmele ich. Wie kommt sie nur dazu, ihm eine blöde Blume mitzugeben? Obwohl sie doch weiß, dass ich mich für diese Gewächse absolut nicht interessiere.

„Na und? Wo ist das Problem?“, reagiert er locker und sieht mich abwartend an. „Darf ich reinkommen?“

„Du bist wohl einer von der ganz eiligen Sorte“, spotte ich und gebe ihm den Weg frei.

Auf Jacksons Gesicht huscht ein amüsiertes Grinsen. „Wie mir scheint, du auch“, sagt er und deutet auf meinen Bademantel.

Meine Wangen beginnen zu glühen. Oh, mein Gott! Ich werde rot. Wie peinlich ist das denn? Ich senke etwas verschämt den Kopf. „Konnte ja keiner ahnen, dass du wirklich kommst“, versuche ich, zu kontern, doch ich merke selbst, dass meine sonst so spitze Zunge wie gelähmt ist.

„Du hast mich doch gestern eingeladen. Wieso sollte ich also nicht kommen?“, hakt er nach, streift mich beim Vorbeigehen am Oberarm und setzt sich auf die Couch. Sein Annäherungsversuch löst sofort Beklemmungen in mir aus.

So, und jetzt? Wie geht man so etwas an? Ich kann ihm ja schlecht sagen, dass ich noch ... Ach, du heiliges Kanonenrohr! Mein Herzschlag scheint auszusetzen und ich habe für einen Moment das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Mir wird schwarz vor Augen. „Bin gleich wieder da!“ Eilig verschanze ich mich in meiner kleinen Nasszelle, da mir erst in diesem Moment das ganze Ausmaß meiner geistigen Umnachtung, unter der ich litt, als ich ihn gestern einlud, bewusst wird.

Meine sexuelle Erfahrung mit anderen Menschen beschränkt sich auf meinen geliebten Voyeurismus und auf die Spielchen mit meiner Freundin, bei der mein Dad uns erwischte. Mehr habe ich nicht zu vorzuweisen, und bis eben stellte das auch überhaupt kein Problem dar, denn ich bin mit meinen mentalen Orgasmen durchaus zufrieden. Aber jetzt?

Zwar hatte ich ab und zu Verabredungen mit Männern, doch denen sah ich bereits an der Nasenspitze an, dass sie dieselben Vorlieben haben wie ich. Es gab nur gucken, aber niemals anfassen. Wie konnte ich diesen Punkt nur so weit von mir wegschieben, dass mir nicht mal in den Sinn kam, dass ich nicht nur kurz davorstehe, von einem anderen Menschen berührt zu werden, sondern noch dazu an Stellen, die ich bisher nicht mal selbst entdeckt habe?

Auf meinem Körper bildet sich eine Gänsehaut. Ich muss mich schütteln. Was mache ich denn jetzt nur? So viel zum Thema Selbstheilung. Wäre ich zu einem Psychiater gegangen, wäre ich jetzt sicher nicht in so einer prekären Lage. Das alles, was im Moment über mich hereinbricht, ist einfach zu viel. Wie komme ich da nur heil wieder heraus und ohne am Ende einen völligen Knacks zu haben?

Ich betrachte meine sich wandelnden Gesichtszüge im Spiegel und entscheide mich schließlich dazu, auf Konfrontation zu gehen. Angriff ist schließlich immer die beste Verteidigung.

Als ich die Badezimmertür öffne und in den Wohnraum zurückkehre, beugt sich Jackson über den kleinen Tisch und starrt auf etwas, das ich im ersten Augenblick nicht erkennen kann.

„Also, da bin ich wieder“, teile ich ihm etwas dümmlich mit, woraufhin er erschrocken zusammenzuckt und sich in die Sofakissen lümmelt.

Ich setze mich in die andere Ecke der Couch und entdecke aus dem Augenwinkel den Brief meiner Mutter auf dem Tisch. Der wird doch wohl nicht etwa …? „Du hast wohl noch nie etwas von Briefgeheimnis gehört?“, fahre ich umgehend aus der Haut.

„Ich wollte nur ...“, klingt er ziemlich ertappt.

 

Ich bedenke ihn mit einem bösen Blick und falte den Brief zusammen. Eigentlich wäre das der richtige Moment, um ihn vor die Tür zu setzen. Der spinnt wohl!


Hunt for Passion - Befreie mich!

 

ie Federn der ausgeleierten Matratze bohren sich in meinen Rücken. Ich strecke mich, verschränke die Hände flach auf dem Bauch und warte auf das Geräusch. Der Ton, der mir anzeigt, dass es Zeit ist, aufzustehen. Seitdem ich 18 Monate meines Lebens in Rikers Island verbrachte, bin ich immer lange vor dem Weckruf wach. Dieser Umstand ließ sich auch in Freiheit nicht mehr abstellen.

Wie jeden Morgen denke ich über die Zeit nach, die mich mehr prägte als meine Kindheit. Es waren verdammt harte Tage im Knast. Bandenkriminalität, Drogenhandel und Missbrauch waren an der Tagesordnung. Es gab so manche Szene, bei der es mir schwerfiel, mich zurückzuhalten, nicht einzugreifen und keine Dinge zu tun, die mich noch viel länger dortbehalten hätten. Ja, das Knastleben ist hart. Das weiß man und doch kann man diesen Satz nur richtig verstehen, wenn man selbst dort war.

Wie ich dorthin kam? Ganz einfach: Ich vertraute den falschen Leuten. Bevor sich mein Leben schlagartig änderte, baute ich mir eine Sicherheitsfirma auf. Ich war sehr erfolgreich in meinem Job und ja, ich war stolz darauf, denn meine Kindheit war ebenfalls alles andere als reibungslos verlaufen.

Wie meine Mutter, die ich über alles liebe, an so einen Mann geraten konnte, kann ich bis heute nicht begreifen. Der an der Wall Street erfolgreiche Banker mit seinem weißen Arsch, der sich mein Vater schimpft, ist ein eiskalter Hurenbock. Vielleicht wollte er einmal an einer süßen Zartbitterschokolade lecken, wer weiß das schon. Jedenfalls schwängerte er sie, wollte aber keine Verantwortung übernehmen. Das Einzige, was er tat, war, meiner Mum ein Loch von Bude in der Bronx zu kaufen und sie dort unterzubringen. Danach verschwand er auf Nimmerwiedersehen. Das Ganze ist nun 26 Jahre her, und ich glaube manchmal, sie knabbert immer noch daran. Es war hart für sie, uns allein durchzubringen, doch sie schaffte es, wenn auch mit drei Jobs.

Als ich ihr dann endlich finanziell unter die Arme greifen konnte, war sie unheimlich stolz auf mich. Doch bekanntlich kommt ja der Hochmut vor dem Fall. Mir stiegen die Banknoten, die ich verdiente, zu Kopf. Ich wollte mehr. Vermutlich schlug genau an dieser Stelle ein vererbtes Gen meines Vaters durch, was mir letztendlich auch zum Verhängnis wurde.

Von meinem Ersparten pachtete ich einen Box-club, richtete ihn neu ein, trainierte einige Talente - und das Geld floss. Es war eine geile Zeit, an die ich sehr gern zurückdenke. Gerade als ich darüber nachdachte, wie ich an noch mehr Asche kommen könnte, kam sie ... rassig, brünett, mit ellenlangen Beinen, Schmollmund, großem Vorbau und den längsten Wimpern, die die Welt je gesehen hat. Blanca! Sie kam, ich sah und sie siegte.

Unsere Beziehung prägte nur ein Wort: Leidenschaft. Diese Frau verdrehte mir auf der Stelle den Kopf. Wir liebten uns, zuerst nur körperlich und irgendwann – so dachte ich zumindest - ging es auch in die Gefühlsebene. Blanca wurde zu meiner rechten Hand im Boxclub, und es dauerte nicht lange, bis sie mich dazu überredete, illegale Boxkämpfe im Club auszutragen. Ich sah in ihre grün schimmernden, glänzenden Augen und erkannte die blinkenden Dollarzeichen darin. Ja, es war eine gute Idee, nein, sogar annähernd genial.

Gesagt, getan - und so florierte mein Club, der mir neben meiner Mum, meinem Sicherheitsunternehmen und natürlich Blanca das Wichtigste war. Es erschien mir als die beste Zeit meines Lebens, und ich dachte, es würde immer so weitergehen. Wie dumm ich war, das zu glauben.

Um es auf den Punkt zu bringen – saublöd sogar. Wie konnte ich dieser Hexe nur vertrauen? Die hübsche Brünette entpuppte sich als Verräterin und „kooperierte“ mit dem FBI. Sofern man das so nennen kann. Wie konnte sie sich nur mit einem Bullen einlassen? Aber das war noch nicht einmal der Gipfel der Frechheit. Nicht nur, dass sie mich mit dieser Schmalbrust betrog, nein, sie erzählte ihm auch noch, während sie sich mit ihm in den Kissen wälzte, von meinem Club und den illegalen Kämpfen. Der überaus engagierte Anzugträger witterte natürlich sofort eine Beförderung oder Orden oder was auch immer, wenn er mich samt meinem Club hochnehmen würde, und so kam es dann auch.

Als das FBI mich in Handschellen abführte, sah ich Blanca zum letzten Mal, und als sie mich mit einem fiesen Grinsen bedachte, schwand jegliche Leidenschaft, die ich jemals in mir getragen hatte. Es war der Moment, in dem ich alles verlor, den Respekt meiner Mutter, meine Firma, meinen Club, und der Muskel in meiner Brust, der sich Herz schimpft, zerbrach.

Natürlich nahm ich meine Strafe hin wie ein gestandener Mann, und auch von Rikers Island ließ ich mich nicht unterkriegen. Nachdem ich meine Zeit abgesessen hatte und endlich wieder frische Luft schnupperte, lebte ich eine Zeitlang bei meiner Mutter. Allerdings fiel ich dann erst so richtig in ein tiefes Loch. Ich wusste nichts mit mir anzufangen, gammelte wie eine verschimmelnde Sandwichscheibe vor mich hin und ließ mich gehen. Erst als meine Mum mir schließlich offiziell meine Sünden vergab und damit den Weg für einen Neuanfang freimachte, schöpfte ich wieder Hoffnung.

Wie recht sie doch damals hatte, als sie mich anflehte, all meine Altlasten hinter mir zu lassen und nur noch nach vorn zu blicken. Und dann trat Ava in mein Leben. Sie gab mir eine zweite Chance und die werde ich auch nutzen, komme da, was und wer wolle. Mein Job als Kopfgeldjäger in Avas Kautionsagentur brachte mich wieder auf die richtige Bahn, und auf der gedenke ich auch zu bleiben. All diese Dinge jagen tagtäglich und unabstellbar durch meinen Kopf, so lange, bis der Wecker endlich klingelt.

Ich stelle ihn ab, atme tief aus, erhebe mich und verlasse das winzige Zimmer, in dem nur das alte Bett mit Holzrahmen steht, und gehe in den Wohnraum. Die Bude bewohne ich seit circa einem halben Jahr. Die mickrigen vier Wände in Brooklyn sind vollmöbliert und einigermaßen bezahlbar. Was will man mehr?

Ich gehe in die kleine Küchenzeile, fülle den Wasserkocher auf und zünde mir eine Zigarette an. Irgendwann werde ich mir sicher etwas Besseres leisten können, so hoffe ich zumindest. Die Omamöbel sehen nicht nur so aus, nein, sie riechen auch so. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob das wirklich nur am Mobiliar liegt oder auch an dem furzenden Etwas, das seit zwei Wochen meine Couch mit Blumenmuster bewohnt.

Ich stecke mir die Kippe in den rechten Mundwinkel und bereite mir mein lösliches Morgenglück zu. Erst als mir der erste Schluck den Rachen hinunter rinnt, drehe ich mich wieder zu Tyson um, der nicht nur Geräusche aus seinem fetten Arsch abgibt, sondern dazu auch noch laut schnarcht. Freundschaft und Hilfe hin oder her, aber alles muss mal ein Ende haben.

Ich rauche die Zigarette zu Ende und gehe dann mit der Tasse in der Hand zu dem alten, mit dunkelbraunem, vergilbtem Stoff bezogenen Sessel und setze mich dem Mann gegenüber, dem ich Unterschlupf gewährte.

Es dauert nur wenige Sekunden, bis er sich streckt und sich die Augen reibt.

„Alter, musst du mich immer so anstieren?“, beschwert sich der übergewichtige Ex-Häftling, den ich in Rikers Island kennenlernte und der vor Kurzem urplötzlich vor meiner Tür stand und mich um eine Schlafgelegenheit anbettelte. Von einer Nacht war die Rede. Ja, von wegen. Man sieht ja, was dabei herauskommt, wenn man hilfsbereit ist.

„Ty, du musst dir endlich einen Job und eine eigene Bude beschaffen, dein Gefurze stinkt mir bis zum Himmel“, mache ich ihm die Lage unmissverständlich klar. So wie ich es jeden Morgen tue. Bis jetzt war das allerdings leider noch nicht von Erfolg gekrönt, denn der ehemalige Taschendieb bemüht sich kein bisschen, sich etwas Eigenes zu suchen.

Tyson richtet sich auf und kratzt sich an seiner behaarten Wampe, die über der hellblauen Shorts hinaus quillt, und sieht mich gelangweilt an. „Musst du mir ständig dein Sixpack vor die Nase halten, wenn ich aufwache? Da bekommt man ja schlechte Laune.“

Ich genehmige mir noch einen Schluck Kaffee und versuche, ruhig zu bleiben. „Ich gebe dir noch eine Woche, dann will ich meine Couch wieder für mich haben.“

„Ja, ja, schon gut. Ich versteh schon“, gähnt er und legt sich wieder hin.

„Wenn du verstehen würdest, dann würdest du deinen fetten Arsch vom Sofa schieben und dich auf die Suche nach einem Job machen“, werde ich noch deutlicher.

Der gerade einmal volljährige Kerl atmet entnervt aus. „Du bist ja schlimmer als meine Mutter.“

Ich trinke den Kaffee aus, stelle die Tasse auf dem Glastisch ab, der in der Mitte des Raumes platziert ist, und stehe auf. „Das ist mein voller Ernst, überreize meine Gastfreundschaft nicht.“

„Wenn du weg bist, halte ich sofort nach einem Job Ausschau“, murmelt er schläfrig, schließt die Augen und rollt sich auf die Seite.

Wenn jetzt noch ein Furz aus seinem Hintern kriecht, flippe ich komplett aus und jage ihm eine Kugel in die rechte Arschbacke. Kopfschüttelnd wende ich mich von dem wohl nicht mehr zu rettenden Individuum ab und gehe ins Badezimmer. Die Zeit drängt - Ava liebt Pünktlichkeit.

 

 

 

Eine Stunde später und fünf Minuten vor meinem Termin mit der Chefin parke ich meinen schwarzen Audi direkt vor der Kautionsagentur, die in Lower Manhattan liegt. Die Büroräume befinden sich im Erdgeschoss eines vierstöckigen Hauses, dessen Außenfassade mit ihrer weißen Stuckoptik neben den anderen Häusern und deren roten Ziegelmauern völlig aus der Reihe fällt.

Fröhlich pfeifend verdränge ich Tyson und seine Ausdünstungen. Darum kümmere ich mich später, denn jetzt zählt nur noch eins für mich: mein Job. Ich schließe den Wagen ab und betrete mit einem breiten Grinsen die Agentur.

„Hey, Jaden“, begrüßt Stella mich im gewohnt lasziven Tonfall.

Dass die Empfangsdame, wie Ava sie nennt, scharf auf mich ist, ist ein klarer Fall. Nur wie ich der Guten begreiflich machen soll, dass sie mich nicht die Bohne interessiert, weiß ich noch nicht. Ich habe keinen Bock auf Frauen. Nicht mal auf vögeln. Denn so fing es zwischen Blanca und mir auch an und man sieht ja, was daraus geworden ist.

Weibsbilder sind gerissen, hinterhältig und eiskalt. Wenn ich mich doch mal mit einer einließ, hatte ich manchmal sogar Angst, mein Schwanz könnte sich in einen Eiszapfen verwandeln und abbrechen. Nein, die einzige Leidenschaft, die ich noch habe, ist, Verbrecher zu jagen. Alles andere ist sowieso nur eine riesige Illusion.

Trotzdem behandele ich das angeblich schwache Geschlecht – dass ich nicht lache – mit Respekt. Allein schon, weil ich meine Mum nicht enttäuschen will, die mich zu einem Gentleman erzog. Also zwinge ich mir ein Lächeln auf die Lippen. „Hi, Stella, alles klar bei dir?“

„Alles super und bei dir?“, reagiert sie prompt auf meine Floskel und dreht sich nebenbei eine lange Strähne ihrer blonden Mähne, die mit Sicherheit gefärbt ist, um den rechten Zeigefinger.

Ihre gierigen Blicke brennen auf meiner Haut. Ließe ich sie, würde sie mich auf der Stelle anspringen, das sehe ich ihr an.

„Alles wie immer“, antworte ich und deute auf die Tür zu Avas Büro. „Sorry, ich muss.“

Sie nickt verständnisvoll. „Die Chefin wartet nicht gern, ich weiß, aber vielleicht könnten wir ja mal ...“

Ehe sie das ausspricht, womit ich schon lange rechne, hebe ich abwehrend die Hand. „Ich bin im Stress, lass uns das Gespräch verschieben“, verschaffe ich mir noch ein wenig mehr Zeit, um die richtigen Worte für einen Korb zu finden.

Denn wer weiß, wie Stella - die meiner Meinung nach schon ein wenig psycho drauf ist - auf eine Abfuhr reagiert. Wahrscheinlich kratzt sie mir mit ihren aufgeklebten, bunten Nägeln die Augen aus, oder sie stürzt sich auf mich und beißt mir in den Sack.

„Ich warte, kein Problem“, ruft sie mir im Schlafzimmerton noch hinterher, woraufhin mich ein angeekelter Schauer überzieht. Ich sag es ja, die ist verrückt. Rasch schiebe ich es beiseite, denn als Ava mich gestern Nacht noch anrief und mir mitteilte, dass sie mich heute sprechen will, wusste ich sofort, was das heißt: Ich habe einen neuen Auftrag! Diese Tatsache pumpt so viel Adrenalin durch meinen Körper wie kein anderes Ereignis.

„Wie immer pünktlich“, begrüßt die Mittdreißigerin mich mit einem offenen Lächeln und bedeutet mir, auf dem weißen Lederstuhl Platz zu nehmen, der mittig vor ihrem ebenfalls weißen Schreibtisch steht.

„Ist doch wohl klar“, zeige ich ihr meine Bereitschaft an und setze mich.

Die Mutter zweier Kinder, deren Teint fast so dunkel wie die Nacht ist, funkelt mich mit ihren tiefschwarzen Iriden an. Sie ist seit Langem die unangefochtene Königin der Kautionsagenten in der noch immer männerdominierten Szene, und das nicht nur, weil sie eine knallharte, organisierte Eislady ist, sondern auch weil sie eine nicht so schöne Sache, die ihre Agentur betraf, locker wegsteckte und sich nicht um dummes Gerede scherte. Ava liebt ihre Agentur, steht für ihre Jungs - wie sie uns nennt – gerade, komme, was da wolle, und genau das zeichnet diese Frau so aus.

Auch wenn der Vorfall schon längst vergessen ist, so merke ich doch, dass er immer noch ein klein wenig an ihr nagt. Seitdem sie eine Klientin laufen ließ und einen ihrer Kopfgeldjäger aus unserem Vierer-Team gleich mit ihr verlor, ist sie ein wenig besonnener geworden. Sie sucht sich ihre Klienten jetzt besser aus. Deshalb bin ich extrem gespannt, was sie mir heute zu bieten hat.

In den letzten Monaten kümmerten sich Finley, der früher bei einem SWAT-Team des FBI war, Tyrell, ein Ex-Navy Seal, und meine Wenigkeit nur um Standardverbrecher. Für Extravaganzen hat sie im Moment keine Kapazitäten, sagt Ava, und das liegt mit Sicherheit an der Tatsache, dass ihr ein Kopfgeldjäger fehlt. Irgendwann wird sie uns wieder aufstocken müssen, das weiß sie besser als ich, aber ich vermute, ihr fehlt im Augenblick noch der Mut, einen neuen Mann ins Team zu holen. Was kein Wunder ist, denn schließlich hängt ihre Agentur daran. Sie braucht jemanden, der ihre Interessen ohne Wenn und Aber vertritt, ihr stets zu Diensten ist und dem sie tausendprozentig vertrauen kann.

„Ich habe etwas ganz Besonderes für dich“, stellt sie mir in Aussicht und wartet darauf, bis sich meine Mundwinkel nach oben ziehen, ehe sie weiterspricht. „Ich habe gestern eine Krankenschwester gegen Kaution aus der Haft geholt.“

Wenn Leute die vom Gericht veranschlagte Kautionssumme nicht aufbringen können, stellt Ava sie ihnen. Sie erhält dann von der gezahlten Summe 10% Provision und die Klienten sind bis zu ihrer Verhandlung auf freiem Fuß. Eigentlich eine Win-win-Situation für alle, allerdings gibt es natürlich schwarze Schafe unter den Klienten. Diejenigen, die Avas Hilfe ausnutzen und, sobald sie wieder in Freiheit sind, versuchen, abzuhauen, um ihrer Gerichtsverhandlung zu entgehen. Passiert das, bleibt Ava auf den Kosten sitzen, und in dieser Beziehung versteht sie keinen Spaß. Immerhin könnte jede größere Kautionssumme, die sie nicht zurückerhält, nicht nur ihr Geschäft ruinieren, sondern ihre Familie gleich mit.

An diesem Punkt kommen wir Kopfgeldjäger ins Spiel. Unsere Aufgabe ist es, diese schwarzen Schafe zu beobachten und, sollten sie versuchen, die Mücke zu machen, sie davon abzuhalten. Im schlimmsten Fall sie aufzuspüren, falls sie bereits untergetaucht sind.

Allerdings frage ich mich, was eine Krankenschwester so Schlimmes angestellt haben könnte, dass sie im Knast landet.

Ava deutet meine grübelnden Blicke richtig und reicht mir eine gelbe Mappe. In den Akten mit den verschiedenen Farben sind alle Fälle feinsäuberlich abgeheftet. Eine grüne Mappe bedeutet bei uns: kleines Vergehen - Flucht unwahrscheinlich. Gelbe Mappe bedeutet: mittelschweres Vergehen - Klient im Auge behalten, und rot bedeutet: höchste Vorsicht ist geboten!

„Du nimmst also wieder härtere Fälle an?“, frage ich, ehe ich die Akte aufschlage.

„Es ist an der Zeit, wieder mehr zu riskieren“, reagiert sie zuversichtlich.

„Das ist aber keine Skyler West, oder?“, kann ich mir einen kleinen Seitenhieb trotzdem nicht verkneifen.

Ava presst ihre dunklen Lippen aufeinander und sieht für einen Augenblick nachdenklich in die Luft. „Nein, ganz gewiss nicht, und du bist ja auch nicht Kieran.“

Kieran war nicht nur ein begnadeter Kopfgeldjäger, sondern auch mein Kumpel. Seitdem er sich mit der kleinen Kokstante aus dem Staub machte – ich kann ihn zwar mittlerweile ansatzweise verstehen, dennoch bin ich der Meinung, dass er viel zu übereilt reagierte, als er sich entschloss, mit der Kleinen zu gehen - hörte ich nichts mehr von ihm. Aber so ist nun mal das Leben.

Ich lege die Mappe auf meinen Schoß, klappe sie auf und betrachte das Bild einer 40-jährigen Frau mit dunklen Haaren und grünen Augen. Sie sieht eigentlich ganz normal aus. Als ich aber ihr Vergehen lese, bildet sich Gänsehaut auf meinem Rücken. Stirnrunzelnd sehe ich meine Chefin an. „Ein Todesengel? Dein Ernst?“

„Sie ist noch nicht verurteilt“, stellt sie sich hinter die Frau, die im Verdacht steht, mehrere Menschen auf der Intensivstation des Bellevue Hospital Centers medikamentös zu Tode gespritzt zu haben.

„Denkst du, es besteht Fluchtgefahr?“, erkundige ich mich.

Ava lehnt sich im Stuhl zurück, verschränkt die Hände im Schoß und atmet tief durch. „Ich bin mir nicht ganz sicher, deshalb will ich dich auch sofort auf diese Frau ansetzen.“

Ich klappe die Akte erneut auf. „Die sieht so unschuldig aus.“

„Na ja, manchmal kann der Schein eben trügen.“ Sie macht eine abwehrende Handbewegung. „Aber ein Urteil über diese Frau steht uns nicht zu. Ich habe ihr mit der Kaution die Chance eingeräumt, sich mit ihrem Anwalt bestmöglich auf ihren Prozess vorzubereiten, das ist alles, und jetzt geht es nur noch darum, dass sie dort auch erscheint.“

Ava wirkt gefasst und in keinster Weise beunruhigt. Nach ihrer Schnellschussaktion, als sie Skyler West aus dem Knast holte, die sich dann als Tochter eines Mafiabosses entpuppte und mit ihren Handlungen Kieran in Lebensgefahr brachte und in Kauf nahm, dass Avas Agentur erheblichen Schaden nehmen könnte, hat sie sich wohl diesmal besser erkundigt, wen sie da vor sich hat.

„Miranda Wilson also“, lese ich ihren Namen laut vor und sehe mir das Bild erneut an.

„Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann, und Finley und Tyrell sind anderweitig beschäftigt.“

„Du weißt, dass du dich irgendwann nach Verstärkung umsehen musst“, bringe ich ihren wunden Punkt nun doch zur Sprache, denn ich werde über Wochen hinweg nur an dieser Miranda hängen und die anderen beiden sind, wie sie selbst gerade sagte, auch voll ausgelastet.

Ava verzieht den Mund. „Alles zu seiner Zeit, und nun kümmere du dich bitte um diese Miss Wilson“, komplementiert sie mich höflich hinaus.

 

„Alles klar, Chefin. Ich checke die Lage und geb dir Bescheid.“ Mit der Akte wedelnd verlasse ich im Eiltempo ihr Büro. Dann werde ich diesem Todesengel mal einen - natürlich von ihr unbemerkten - Besuch abstatten. Frauen, die hilflose Menschen töten, das habe ich ja gern - NICHT!


Hunt for Love - Rette mich!

Die Blondine mit Kurzhaarfrisur, ultralangen Wimpern, gemachten Möpsen und Kim Kardashian-Hintern lernte ich in der Downstairs Bar in Manhattan kennen, in der ich mir ab und zu ein oder zwei Shots zum Feierabend genehmige. Wir tranken einige Drinks, sie fing an, mich zu befummeln - oder ich sie, wer weiß das schon so genau, und eigentlich ist es auch völlig egal, wie alles begann, denn ausschließlich das Ergebnis zählt. Auf jeden Fall landeten wir irgendwann in ihrer Bude, wie es aussieht.

Je länger ich sie betrachte, desto mehr Bilder ploppen in meinem Kopf auf. Sie war heiß, nahm kein Blatt vor den Mund und liebte diverse Dinge ebenso sehr wie ich. Sie hätte durchaus Potenzial, meine neue Spielpartnerin zu werden. Während ich mit meinen Blicken ihre Rundungen nachfahre, schwelge ich in heißen Erinnerungen, was sich auch prompt in meiner Körpermitte bemerkbar macht. Dann werde ich dieses süße, kleine Kätzchen mal wecken und sie bitten, sich auf der Stelle wieder in die Raubkatze von letzter Nacht zu verwandeln.

Mit dem Zeigefinger zeichne ich ihre hellen Vorhöfe nach, was sie augenblicklich zum Schnurren bringt. Sie öffnet in Zeitlupe ihre Lider. Zum Vorschein kommen hellblaue Augen, die mich anfunkeln. Auf ihre schmalen Lippen wandert ein laszives Grinsen. Oh ja, Kätzchen, wir verstehen uns!

Es dauert nur wenige Augenblicke, ehe sie ruckartig gegen meine rechte Schulter drückt und mich somit in Rückenlage zwingt. Wie eine Turnerin der Olympiamannschaft grätscht sie ihre Beine über mir und drückt ihren Unterleib gegen meinen. Na, wer sagt‘s denn. So ein Quickie am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.

Das blonde Kätzchen krallt ihre bunt lackierten Nägel in meine Schultern und sieht mich dabei herausfordernd an. Oh ja, ich will es auch! Genau diesen Satz gebe ich ihr mit meinen Blicken zu verstehen und will gerade die Augen schließen, um mich auf den zu erwartenden Ritt vorzubereiten, als sie plötzlich innehält und eine Stelle meines Körpers berührt, an der ich ganz und gar nicht berührt werden will. Und das ist noch gelinde ausgedrückt.

Mir jagt ein kalter Schauer über den Rücken. Ich versuche, meine Anspannung abzustellen, wieder an die Frau auf mir zu denken, doch es gelingt mir nur kurz, denn Kätzchen streicht erneut mit den unechten Nägeln darüber und sagt dann etwas, was mein bestes Stück sofort in sich zusammenfallen lässt. „Wo hast du das denn her?“, fiept sie viel zu hoch. Ohne Stimme gefiel sie mir eindeutig besser!

Ich packe sie etwas unsanft am Handgelenk und schiebe ihren Arm von meiner linken Brust. „Kriegsverletzung“, lüge ich.

„Du warst im Krieg? In welchem?“, staunt sie.

Und mir fällt nichts Blöderes ein, als: „Im zweiten Weltkrieg“, zu sagen.

Sie reißt die Augen weit auf und sieht mich fassungslos an. „Im Ernst? Und das hast du überlebt?“

Okay, Schluss mit lustig, es reicht. Die ist blonder als blond. Ich umfasse ihre Hüften und hebe sie von mir herunter. „Sonst wäre ich wohl kaum hier“, knurre ich genervt, setze mich im Bett auf und halte nach meinen Klamotten Ausschau.

Das kleine Apartment erweist sich als heilloses, buntes Durcheinander. Überall liegt Kleidung verstreut auf dem Boden. Auf der kleinen Küchenzeile am anderen Ende des Raumes stapelt sich benutztes Geschirr. Ich nehme einen tiefen Zug Luft durch die Nase. Dass es hier noch nicht stinkt, wundert mich. „Ordnung ist das halbe Leben, den Spruch kennst du wohl nicht?“, murmele ich, während ich weiter nach meiner Jeans suche. Die muss doch irgendwo sein, verdammt!

„Suchst du nach deinen Klamotten?“, gibt sie so hell von sich, dass mir ein Stich vom Trommelfell bis ins Mark jagt.

„Allerdings“, antworte ich knapp, drehe den Kopf in ihre Richtung und sehe sie abwartend an. Man kann sich wirklich alles schön saufen.

„Im Bad … da haben wir gestern … na ja, du weißt schon“, kichert sie blöde und deutet auf eine Tür, die sich linkerhand vom Bett befindet und die mir jetzt erst auffällt.

Ohne zu zögern, eile ich aus dem Bett und suche meine Sachen zusammen, die auf dem Fliesenboden liegen. Der kleine, quadratische Raum ohne Fenster ist ebenfalls alles andere als aufgeräumt. In der Luft liegt ein blumiger Duft. Süß und eklig. Während ich meine Hose zuknöpfe, begutachte ich die Miniduschkabine. Bequem war das sicher nicht. Ich fahre mit der flachen Hand über meinen Dreitagebart und verlasse kopfschüttelnd das Badezimmer.

„Willst du einen Kaffee?“ Die nackte Blondine stolziert mir auf Zehenspitzen entgegen und grinst mich wollüstig an.

„Ich muss los“, lehne ich ab und suche den Ausgang.

„Ach, schade“, schmollt sie hinter mir. „Vielleicht können wir uns ja mal wiedersehen“, schlägt sie vor und tippt mir auf die Schulter.

„Weißt du was? Ich ruf dich an“, verabschiede ich mich und verlasse dann im Eiltempo die Wohnung.

„Du hast doch gar nicht meine Nummer“, ruft sie mir hinterher.

„Die finde ich schon raus“, erkläre ich, sehe sie ein letztes Mal an und steige in einen klapprigen, vergitterten Fahrstuhl. Der liebe Alkohol und seine Folgen.

Als ich auf die Straße trete, brauche ich nur wenige Sekunden, bis ich erkenne, wo ich bin. Harlem! Ich ziehe mein Smartphone aus der Hosentasche und sehe aufs Display. Akkustand kritisch, Uhrzeit ebenso, ganz zu schweigen von der Liste verpasster Anrufe. Ich sollte mir schnellstmöglich ein Taxi rufen, sonst reißt Ava mir den Kopf ab.

Gerade als ich an den Gehsteigrand trete und den Arm hebe, klingelt auch schon das Telefon. Ich muss kein Hellseher sein, um zu wissen, wer nach mir sucht, also nehme ich ab und beruhige sie mit den Worten: „Bin gleich da.“

„Ich hab dich schon hundertmal angerufen“, brüllt sie.

„Mach keinen Stress. In einer guten halben Stunde bin ich da“, bleibe ich ruhig, denn ich weiß, dass ich mit Gegenwehr bei der Frau am anderen Ende rein gar nichts erreiche.

„Beeil dich. Ich hab einen riesigen Job für dich“, teilt sie mir mit.

„Alles klar, bis gleich und, Ava, es waren nur fünf Anrufe, keine hundert“, kann ich mir einen kurzen Seitenhieb nicht verkneifen, lege auf und lasse mich nach Lower Manhattan fahren.

 

 

 

 

 

Der Taxifahrer setzt mich direkt vor den Büroräumen ab, die sich im Erdgeschoss eines vierstöckigen Gebäudes befinden. Die Außenfassade mit ihrer weißen Stuckoptik fällt neben all den anderen Häusern mit roten Ziegelfassaden auf wie ein bunter Hund. Ava liebt diese Extravaganz, und mir hilft es, selbst nach einer durchzechten Nacht, sofort den richtigen Eingang zu finden.

Ich nehme noch einen Zug frische Luft und drücke dann die weiß lackierte Holztür auf.

„Hi, Kieran, wie schön, dass du auch mal kommst“, begrüßt Stella mich leicht schnippisch, als ich den Vorraum der Agentur betrete.

Die Blondine ist wie immer zu stark geschminkt und trägt ein völlig unpassendes Kleid für diesen Job. Der schwarze, enge Minifetzen würde in eine Bar passen, aber mit Sicherheit nicht hierher.

„Wieder mal mit geschlossenen Augen in den Kleiderschrank gegriffen?“, entgegne ich ruppig.

„Nur, weil wir mit Verbrechern arbeiten, heißt das nicht, dass ich mich auch in Sträflingskleidung hüllen muss“, giftet sie zurück.

„Du solltest über niemanden urteilen, wenn er noch nicht verurteilt ist“, gebe ich genervt zurück.

„Umsonst werden unsere Klienten wohl kaum verhaftet und rufen uns dann an, um sie da rauszuholen“, entgegnet sie mir energisch.

„Streitet ihr mal wieder?“, vernehme ich Jadens Stimme hinter mir.

Mein Kollege grinst uns schief an und steckt die Hände in die Hosentaschen seiner dunklen Jeans. Jaden ist mit seinen 26 Jahren vier Jahre jünger als ich und betört mit seinen hellblauen, glänzenden Augen, den vielen Tätowierungen und der cappu-ccinofarbenen Haut die Frauenwelt.

Ihn stellte Ava kurz nach mir ein. Er ist Extremsportler, arbeitete früher bei einer Sicherheitsfirma und besaß einen Box-Club, aber als die Cops seinen Laden wegen illegaler Kämpfe hochnahmen, verlor er alles. Als er aus dem Knast entlassen wurde, stellte er sich bei Ava vor und bekam von ihr seine zweite Chance. Die er – soweit ich es beurteilen kann – nutzt. Jaden und ich sind Kumpels, wir verstehen uns nicht nur bei der Arbeit, sondern auch privat sehr gut.

„Du kennst ihn ja“, meint Stella und bedenkt mich mit einem überheblichen Grinsen. Dass ich nicht lache! Sie kennt mich? Von wegen.

Jaden hebt die rechte Braue und schenkt ihr ein Lächeln, das sie mit Sicherheit sofort nass werden lässt, und wendet sich dann an mich. „Ich muss dann. Wir sehen uns“, verabschiedet er sich mit Handschlag von mir.

„Bis später …“, säuselt Stella ihm hinterher.

Dass sie scharf auf ihn ist, ist offensichtlich, aber dass Jaden kein Interesse an ihr hat, ist noch viel offensichtlicher. Sie verwechselt nett mit anbaggern. Mir egal, soll sie doch ihr Glück weiter versuchen, dann ist sie wenigstens beschäftigt und geht mir nicht auf die Nerven.

Mit einem leisen Seufzer wende ich mich von unserer Telefon- und Empfangsdame - wie Ava sie nennt - ab und gehe ins Büro der Chefin.

„Na endlich“, stößt sie erleichtert hervor. Die Mittdreißigerin fährt sich über ihre bis auf wenige Millimeter abgeschorenen Haare und funkelt mich mit ihren tiefschwarzen Iriden an. „Du hast dir ja mal wieder herrlich viel Zeit gelassen“, rügt sie mich.

„Es stand nichts auf dem Plan“, nehme ich eine abwehrende Haltung ein und setze mich auf den weißen Lederstuhl, der mittig vor ihrem ebenfalls weißen Schreibtisch platziert ist.

Die Frau, deren Teint so dunkel wie Zartbitterschokolade ist, muss sich merklich anstrengen, nicht die Augen zu rollen. „Ach, komm schon, Kieran, du weißt doch, wie schnell sich bei uns etwas ändern kann.“

„Also, wer ist abgehauen?“, versuche ich, in Erfahrung zu bringen.

„Noch keiner“, sagt sie und sucht nach der entsprechenden Akte. So chaotisch ihr Schreibtisch auch aussehen mag, umso organisierter leitet Ava ihr Kautionsbüro. Sie ist seit Langem die unangefochtene Königin der Kautionsagenten in der männerdominierten Szene.

Diese Agentur war ihr Traum und den lebt sie jeden Tag aufs Neue aus. Sie beschützt ihren Laden und ihre Jungs - wie sie uns nennt - mit viel Herz und harter Hand. Ava kümmert sich um den ganzen Papierkram, und fürs Grobe hat sie neben mir und Jaden noch Tyrell, einen Ex-Navy Seal, und Finley, der früher für ein SWAT-Team des FBIs arbeitete, an ihrer Seite. Wir vier sind ihr stets zu Diensten und vertreten ihre Interessen. Und auch wenn wir alle Quereinsteiger in diesem Geschäft sind, glänzen wir dennoch durch Zuverlässigkeit, Engagement und körperlichen Einsatz.

Ich war, bis Ava mich einstellte, Bodyguard eines bekannten Schauspielers. Der Job füllte mich lange Zeit aus, doch als es zu einem weniger glücklichen Ereignis kam, verlor ich kurzzeitig den Boden unter den Füßen und mir wurde klar, dass ich nicht mehr bereit bin, für andere - nur weil sie in Geld schwimmen und sich für was Besseres halten - mein eigenes Leben zu riskieren.

Als ich schließlich hier landete und mir klar wurde, dass der Job nicht weniger gefährlich ist als mein letzter, interessierte mich das jedoch nur kurz, denn immerhin kämpfen wir hier für eine wirklich gute Sache.

Ava stellt verhafteten Leuten die vom Gericht veranschlagte Kautionssumme, sie erhält dann von der gezahlten Summe 10% Provision und die Klienten sind bis zu ihrer Verhandlung auf freiem Fuß. Eigentlich eine Win-win-Situation für alle, allerdings gibt es natürlich schwarze Schafe unter den Kunden. Diejenigen, die Avas Hilfe ausnutzen und, sobald sie wieder Frischluft schnuppern, versuchen, sich aus dem Staub zu machen, um ihrer Gerichtsverhandlung zu entgehen.

Denn, wenn das passiert, bleibt Ava auf den Kosten sitzen und in dieser Beziehung versteht sie keinen Spaß. Immerhin könnte jede größere Kautionssumme, die sie nicht zurückerhält, nicht nur ihr Geschäft ruinieren, sondern ihre Familie, die aus ihr und zwei Kindern besteht, gleich mit. Zudem genießt sie einen sehr guten Ruf und den will sie sich von nichts und niemandem ruinieren lassen.

An diesem Punkt kommen wir Kopfgeldjäger ins Spiel. Unsere Aufgabe ist es, diese schwarzen Schafe zu beobachten und, sollten sie versuchen, abzutauchen, sie davon abzuhalten. Im schlimmsten Fall sie aufzuspüren, falls sie bereits untergetaucht sind.

Die Löwenmutter kramt noch immer in ihrem wirren Haufen Akten, wird letztendlich fündig und reicht mir eine rote Mappe.

Grüne Mappe bedeutet bei uns: kleines Vergehen - Flucht unwahrscheinlich. Gelbe Mappe bedeutet: mittelschweres Vergehen - Klient im Auge behalten, und rot bedeutet: höchste Vorsicht ist geboten! Gedanklich gehe ich meine letzten Fälle durch und überlege, wer wohl die Frechheit besitzt, Fluchtpläne zu schmieden. Noch dazu welche, von denen ich nichts weiß.

„Du brauchst gar nicht grübeln, es ist ein neuer Fall“, liest Ava mir meine Gedanken offensichtlich vom Gesicht ab.

„Du nimmst einen neuen Klienten an, der von dir sofort bei rot eingestuft wird?“, frage ich stirnrunzelnd.

Ava, die sonst sehr auf Sicherheit bedacht ist, zuckt die Schultern. „Frag mich nicht, warum, aber es war so ein Gefühl.“

„Keine Ahnung, wie du das meinst, aber ...“ Ich schlage die Akte auf. Bereits der erste Blick auf das Papier vor mir lässt mich verstummen. Wie gebannt starre ich auf das Foto einer jungen Frau mit dunkelbraunen, langen Haaren und rehbraunen Augen. Ihr sonnenbrauner Teint, die glatte Haut, die schönen, geschwungenen Lippen, die kleine Stupsnase ... Und wie sie so unschuldig in die Kamera blickt ... die wäre definitiv eine Sünde wert. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Oh ja, das wäre sie.

„Ich sehe dir an, was du denkst, und kann dir gleich sagen: Vergiss es!“, reißt Avas Stimme mich aus meinen wollüstigen Gedanken.

„Was denn? Die ist scharf wie Chili“, gebe ich schulterzuckend und mit entschuldigendem Blick zurück.

„Deine Chili wurde mit einem halben Kilo Koks erwischt“, informiert sie mich.

Ich deute schmunzelnd auf das Foto. „Sie?“

Ava lehnt sich in ihrem weißen Ledersessel zurück, verschränkt die Hände auf dem Schoß und nickt. „Darf ich vorstellen: Skyler West, 25 Jahre alt, verhaftet mit einem Päckchen Kokain auf offener Straße.“

Ich sehe wieder auf die Akte, die auf meinen Oberschenkeln liegt. „100.000 Dollar Kaution. Ist das dein Ernst?“, kann ich immer noch nicht fassen, was Ava mir hier gerade präsentiert.

„Sie rief mich aus dem Knast an, ich fuhr zu ihr und ...“

Ich hebe die Hand. „Ich weiß, wie der Mist abläuft, aber wieso? Und weshalb hast du sie mit rot markiert? Wo wurde sie denn hochgenommen?“, versuche ich, in Erfahrung zu bringen, und klappe die Mappe zu.

„In der Bronx“, antwortet Ava ruhig.

Okay, hier stimmt was nicht. Ich schlage die Akte wieder auf und sehe mir das Foto erneut an. „Die Bronx wird vom King-Kartell beherrscht, aber - mit Verlaub - die hier ist alles andere als dunkelhäutig.“

„Ich schätze mal eher Latino, vielleicht Sanchez- oder Ramirez-Kartell“, grübelt sie laut.

Ich schüttele den Kopf. „Die haben alle ihre abgesteckten Reviere. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ramirez oder Sanchez dieses kleine, zerbrechliche Ding in das Revier der Kings schickt, und dann wird sie dort auch noch hochgenommen. Da ist doch irgendwas faul.“

„Das glaube ich auch“, stimmt sie mir zu.

„Aber sollte sie wirklich von irgendeinem Kartell sein, warum haben sie die dann nicht aus dem Knast geholt? Wieso wendet sie sich an dich?“, rätsele ich weiter.

„Ich habe keine Ahnung“, gibt Ava zu.

„Tut mir leid, kapiere ich nicht. Du hast die Vermutung, dass du dich vielleicht in die Schusslinie eines der drei größten Kartelle begibst, oder besser gesagt mich, so wie es aussieht“, schnaube ich wenig begeistert, „nimmst den Fall aber trotzdem an.“

„Du sollst diese Skyler, falls sie denn wirklich so heißt, nur beobachten. Ich habe das komische Gefühl, dass die Kleine in Gefahr sein könnte“, teilt sie mir mit.

„Ach, was du nicht sagst“, werde ich wütend.

„Nun komm mal wieder runter. Es sind nur drei Wochen, und sie hat von mir die Auflage bekommen, sich jeden Tag hier zu melden. Flüchten ist also nicht. Ich will nur, dass du dich an ihre Fersen heftest und sie und ihr Umfeld beobachtest.“

„Die Verhandlung ist schon in drei Wochen?“, frage ich fassungslos. Das wird ja immer schöner. „Wieso in aller Welt nimmt sie dann eine Provision von 10.000 Dollar auf sich? Die paar Tage hätte sie auch absitzen können.“ Ich kratze mich am Kinn. „Wenn an deiner Vermutung was dran ist, Chefin, dann sag ich dir eins: Sie will flüchten, das ist ihr einziger Plan und sonst nichts.“

Ava funkelt mich an. „Jetzt bist du ja an ihr dran, also habe ich da keine Bedenken.“

„Und wer ist jetzt an ihr dran? Vielleicht ist die Gute ja schon über alle Berge.“

„Sie wurde heute Morgen entlassen und sollte in weniger als einer Stunde hier auftauchen“, antwortet sie nicht auf meine Frage.

Irgendwas stimmt mit meiner Chefin nicht. Ich meine, dass mir bei Skylers Anblick die Sicherungen durchbrennen, ist kein Wunder, aber dass sich Ava völlig daneben benimmt, da sie mit dieser Sache meiner Meinung nach ein viel zu großes Risiko eingeht, kann ich nicht verstehen.

„Und wo wohnt sie?“, erkundige ich mich. Wenn sie mir jetzt gleich erzählt, dass diese Skyler nicht mal einen festen Wohnsitz nachweisen musste, fall ich vom Glauben ab.

„Sie hat mir eine Adresse aus Harlem gegeben und die habe ich bereits überprüft. Sie ist dort wohl bei einer Freundin untergekommen“, berichtet Ava.

Harlem! Augenblicklich erklingt die schrille Stimme der Kurzhaarblondine wieder in meinen Ohren und jagt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken.

„Stimmt was nicht?“, erkundigt Ava sich.

„Nein, alles bestens“, winke ich knurrend ab.

Die nächsten drei Wochen werden die Hölle auf Erden werden. Jetzt schickt die mich tatsächlich in die Schusslinie eines Drogenkartells - um was zu tun? Die kleine Chili zu retten? Egal, was passiert, bei der Menge Koks kommt sie sowieso für Jahre in den Knast, und sollte sie dort drin auch nur versuchen, irgendjemanden zu verpfeifen, werden die auch dort drin einen Weg finden, um das zu verhindern. Ob ich mit meinen Vermutungen, die ich aus den wenigen Informationen ziehe, richtig liege, weiß ich nicht, aber die Sache ist heißer als heiß.

„Gut, dann bist du entlassen“, scheucht Ava mich aus ihrem Büro.

„Ich hol mir daheim nur noch ein paar Sachen und komm dann wieder“, melde ich mich ab und stehe auf.

„Beeil dich und sieh zu, dass sie dich nicht zu Gesicht bekommt. Alle anderen Infos bekommst du von mir per Mail aufs Handy.“

 

„Alles klar“, murmele ich und verlasse eilig den Raum. Denkt die, ich bin ein totaler Anfänger? Dass sie dich nicht zu Gesicht bekommt! Ich glaube, ich spinne. Ich ahne bereits jetzt, dass das, was da auch immer auf mich zukommt, nicht gut ausgehen wird.


(K)ein Rezpet in Sachen Liebe

D

er Hit Walking on Sunshine von Katrina & The Waves bringt Schwung in meine Backstube. Mit einem Kehrbesen in der Hand wirbele ich durch meine kleine, aber feine Küche, umrunde die Kochinsel mit integriertem Backofen, wische dabei über die Arbeitsflächen, die links und rechts an der Wand angebracht sind, stoppe beim Radio und drehe es noch ein wenig lauter, um den Gutelaune-Song lauthals mitzusingen. Das Mehl wirbelt auf, ich drehe mich mehrmals um mich selbst, lasse den Besen fallen, klatsche in die Hände und tanze im Mehlregen.

Als die Tür zu meiner Backstube geöffnet wird und ich meine Freundin Honey erblicke, die mich schmunzelnd beobachtet, tänzele ich zu ihr, nehme sie bei der Hand und ziehe sie mit mir auf meine persönliche Bühne.

„Du musst mehr Schwung in die Hüften legen“, fordere ich sie lachend dazu auf, mir Gesellschaft zu leisten.

Honey schüttelt den Kopf, rollt die Augen, lässt sich dann aber zum Tanzen animieren. Sie - und das erkenne ich neidlos an - ist das schönste Geschöpf auf Gottes Erden. Ihr volles, braunes Haar, das ihr fast bis zu den Pobacken reicht, dazu die dunkelbraunen Augen und ihr Teint, der mich an hellen Kakao erinnert, machen sie so unglaublich hübsch. Aber meine Freundin ist nicht nur äußerlich wunderschön, sondern auch im Inneren.

Ich lernte Honey letztes Jahr über ihre Wedding-Agentur The Ninth Heaven kennen, die sie mit ihrem Kollegen Casper führt und die in Midtown Manhattan liegt. Sie engagierte mich für eine Hochzeitstorte. Ich kann mich noch genau an die süße Köstlichkeit erinnern. Sie war mit weißem Fondant eingedeckt und mit grünen Blättern verziert. Das hatte sich das Brautpaar so gewünscht und ich - sofern es mir möglich ist – erfülle alle Wünsche, zumindest die, die etwas mit backen zu tun haben. Als ich das wunderbare Werk damals aber fast zu spät lieferte, dachte ich, Honey würde mich nie wieder engagieren – doch dann kam die Hochzeit des IT-Girls Olivia Johnson und seitdem bin ich ein fester Bestandteil ihrer Agentur.

Als das Lied zu Ende ist, schalte ich das Radio aus und atme mehrmals tief durch.

„Du hast heute wohl besonders gute Laune“, stellt Honey fest und wischt sich das Mehl von den Händen.

„Ich hab jeden Tag gute Laune“, kichere ich.

„Hast du alles für morgen vorbereitet?“, will sie wissen.

„Alles fertig“, bestätige ich.

„Gut, dann können wir ja fahren“, freut Honey sich und geht zur Tür.

„Wohin fahren?“, hake ich stirnrunzelnd nach.

Sie dreht sich so schwungvoll zu mir um, dass ihre Haare herumwirbeln und ihr Gesicht verdecken. „Mädelsabend. Oder warum, denkst du, bin ich hier?“ Sie streicht sich einige Strähnen hinter die Ohren und sieht mich verdutzt an. „Du hast es doch nicht etwa vergessen?“

Ich ziehe die Mundwinkel nach oben und beiße mir auf die Unterlippe. „Natürlich nicht“, flunkere ich und sehe an mir herunter. Blue Jeans und ein weißes Shirt, auf dem ein roter Apfel aufgedruckt ist, in dem in schwarzer Schrift Big Apple steht. Na ja, nicht gerade die beste Aufmachung, aber sollte gehen. Ich klopfe mir das Mehl von der Kleidung. „Also, ich bin so weit.“

„Du und deine New York-Shirts“, lacht sie und geht voraus.

Ich nehme meinen dunkelblauen Daunenmantel von der Garderobe, lösche das Licht und folge ihr.

Nachdem ich den Laden abschloss, rufen wir ein Taxi.

„Wohin geht es denn heute?“, erkundige ich mich.

Honey wendet sich mir zu. „Du hast es ja doch vergessen.“

Ich ziehe einen Schmollmund. „Ich war total in die Zombietorte vertieft“, entschuldige ich mich.

„Das wird morgen eine Knallerhochzeit“, grinst meine Freundin und weist den Fahrer an, nach Midtown Manhattan zu fahren.

„Meinst du, die Braut und der Bräutigam tragen auch Zombiekleidung?“, erkundige ich mich.

Honey tätschelt meine Hand. „Das verrate ich dir nicht. Lass dich überraschen.“ Sie weiß, wie sehr ich die Serie The Walking Dead liebe, und spannt mich seit Wochen mit dieser Hochzeit auf die Folter.

Als sie damals zu mir kam und die Torte in Auftrag gab, hätte ich mir vor Freude fast eingepieselt. Leider konnte ich ihr aber keine weiteren Einzelheiten entlocken und da sie ohne Brautpaar bei mir vorbeikam - weil die sich auf meine Backkünste verlassen, wie es heißt - bin ich nun gespannt wie ein Flitzebogen, was mich morgen erwartet.

Als im Autoradio das Lied Driving Home for Christmas gespielt wird, schweife ich kurz ab. Das neue Jahr begann vor wenigen Tagen. Wieso spielen sie denn immer noch Weihnachtslieder? Zwangsläufig muss ich sofort an meinen Dad denken. Er war an den Feiertagen ganz allein, so wie ich auch. Was mich – wenn ich jetzt wieder daran denke – ein wenig traurig stimmt.

Als meine Mum vor sechs Jahren an den Folgen eines Unfalls starb, hielt er es in New York nicht mehr aus. Er sagte, es würde ihn alles an sie erinnern. Ab und zu zähle ich mich auch selbst zu dem, was ihn an sie erinnert. Unser Verhältnis war bis zu ihrem Tod immer locker, doch seitdem stockt es irgendwie. Warum weiß ich bis heute nicht.

Von meiner Mum lernte ich all das, was ich heute kann. Sie war eine begnadete Konditorin und sicher erbte ich ihr Talent. Zudem auch noch ihre kleine, zierliche Statur, die roten Haare und die Sommersprossen, vielleicht stört ihn ja das an mir. Von meinem Vater hingegen erbte ich nur eins: die hellbraunen Augen.

Vor zwei Jahren packte er schließlich seine Sachen und zog nach Boston. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen festen Job in einer Bäckereikette und spürte, dass er nicht wollte, dass ich ihm folgte, also ließ ich ihn ziehen. Seitdem sehen wir uns nur noch selten. Normalerweise aber zumindest an den wichtigsten Feiertagen. Dieses Jahr aber war ich mit Arbeit voll ausgelastet und er wollte nicht, dass ich meinen kleinen Laden in Brooklyn schließe. Ob das wirklich seine einzige Sorge war oder aber ob er lieber ganz mit sich allein sein wollte, weiß ich nicht und bis eben stellte ich mir diese Frage auch nicht. Dieser dumme Song.

Der Fahrer hält den Wagen vor der Downstairs Bar an. Honey übernimmt die Kosten für die Fahrt. „Träumerlein, wir sind da“, sagt sie und öffnet die Wagentür.

Ich verabschiede mich höflich vom Taxifahrer und folge ihr in die klirrende Kälte. Seit heute Mittag schneit es zumindest nicht mehr. Zwar mag ich Schnee, aber nur, wenn ich nicht gerade mit dem Auto fahren muss, da aber morgen die Hochzeit ansteht und ich die Torte liefern muss, bin ich dazu gezwungen. Ich werfe noch einen beschwichtigenden Blick gen Himmel und bettele Frau Holle an, ihre Betten doch bitte erst übermorgen wieder auszuschütteln.

„Komm, lass uns reingehen. Es ist echt kalt hier draußen“, schlottert Honey neben mir.

„Wer ist denn alles da?“, erkundige ich mich.

Sie geht zum Eingang und zieht die Tür auf. „Das werden wir gleich sehen.“

Als Honey und Casper damals die IT-Girl-Hochzeit planten, hatten sie noch kein festes Team an Zulieferern und waren mit der Hoppla-hopp-Planung ziemlich überfordert. So entstand eine wahllos zusammengewürfelte Truppe, die sich auf Anhieb gut verstand und nach dem gelungen Hochzeitablauf beschloss, so oft es geht zusammen etwas trinken zu gehen.

Zu unserer Gruppe zählen neben Honey und mir noch Belle, die eigentlich am Broadway Theatre arbeitet und damals von Honey als Make-up-Artist engagiert wurde, Rose, die einen kleinen Blumenladen im Norden Brooklyns führt und uns mit ihren duftenden Kreationen alle umhaute, und Blue, Caspers Schwester, die die Fotos schoss. Ich freue mich immer, alle zu sehen. Wir sind eine tolle Mädchentruppe und haben viel Spaß miteinander. Leider schaffen wir es sehr selten, alle an einen Tisch zu bekommen. Ich hoffe jedoch, dass es heute Abend endlich mal wieder klappt.

Die warme Luft in der Bar umhüllt meine kalte Nasenspitze und bringt meine Wangen zum Glühen. Ich ziehe den Mantel aus, hänge ihn mir über den angewinkelten Unterarm und folge Honey, die in ihrem weißen Wollmantel wie ein Model aussieht.

Die Einrichtung der gut besuchten Bar - der Dielenboden, die Möbel und auch die Theke - ist in dunklem Holz gehalten. Über den rustikalen Tischen hängen kleine, zylindrische Lampen von der Decke. Ich sehe mich um, kann jedoch niemand Bekannten entdecken.

Als Honey stehen bleibt und einen Schritt zur Seite macht, bekomme ich freies Blickfeld auf einen Tisch in der rechten Ecke des Raums und bin ein wenig enttäuscht. Die Einzige, die dort sitzt, ist Blue. Honey begrüßt sie überschwänglich und setzt sich neben sie.

„Hey, Joselynn Jagger, willst du dich nicht hinsetzen?“, ertönt ihre piepsige Stimme. Ich hasse es, wenn sie mich so nennt, und das macht sie nur, weil sie meinen Namen so urkomisch findet. Als ob ich etwas dafür könnte.

„Hallo, Clementine“, kassiert sie aber umgehend die Retourkutsche von mir. Was du kannst, kann ich auch. Ich verziehe den Mund. „Und Josie reicht“, knurre ich, hänge den Mantel über die Stuhllehne und geselle mich zu ihnen. „Wo ist denn der Rest?“, erkundige ich mich bei dem Bleichgesicht.

Caspers Schwester ist unser kleiner Emo. Ihr langes, glattes Haar ist dunkelbau gefärbt. Ihre Hautfarbe gleicht einer frisch gestrichenen Wand. Die Augen schminkt sie sich extrem dunkel, was sie meiner Meinung nach ein wenig wie ein Panda aussehen lässt, und ihre Kleidung ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Alles in allem wirkt sie gruftig. Früher trieb sie sich angeblich auf Friedhöfen rum und hielt dort irgendwelche Messen ab. In diesem zarten Persönchen steckt der Teufel, so viel ist sicher.

„Belle hat sich schon aufs Ohr gehauen und lässt sich entschuldigen. Sie hat morgen früh um vier den ersten Schminktermin“, erklärt sie.

„Das heißt, sie ist bei der Zombiehochzeit dabei“, freue ich mich.

„Sie ist die Beste für diesen Job“, bestätigt Honey.

Ich klatsche vor Freude in die Hände. „Dann gibt es morgen ein richtiges Zombiebrautpaar.“

Blues Augen, die durch das Verwenden unterschiedlicher Kontaktlinsen ständig eine andere Farbe haben, funkeln. „Und wie.“

„Kannst du mir nicht ein paar Kleinigkeiten verraten?“, jammere ich in Honeys Richtung.

Ein Kellner tritt zu uns an den Tisch. „Wir nehmen drei Zombies“, bestelle ich schnell, ehe die anderen beiden etwas sagen können.

„Du bist ja voll und ganz im Menschenfresser-Fieber“, lacht Blue.

„Dir dürfte das Ganze doch noch viel besser gefallen als mir“, gebe ich schmunzelnd zurück. „Und wo ist Rose?“, erkundige ich mich.

„Die ist krank“, teilt Blue uns mit.

Ich reiße die Augen auf. „Was hat sie denn? Grippe? Bei dem Wetter kein Wunder. Braucht sie was? Soll ich ihr was bringen?“

„Sie ist nur ein wenig erkältet, also beruhig dich wieder“, nörgelt Blue. Ihr Mitgefühl für andere Menschen lässt wirklich zu wünschen übrig.

„Ich schreib ihr eine Nachricht“, sage ich und ziehe mein Handy aus der Manteltasche. „Hoffentlich ist sie bis morgen wieder fit, die Arme“, murmele ich vor mich hin.

Honey greift über den Tisch nach meiner Hand. „Rose ist morgen nicht dabei. Sie kann sich also in Ruhe auskurieren, lass sie einfach schlafen“, hält sie mich davon ab, ihr eine Nachricht via Whats App zu schicken.

Ich lege das Handy beiseite. „Wieso ist sie denn nicht dabei?“, frage ich in die Runde.

„Ich denke, sie konnte mit vertrockneten Blumen als Deko nichts anfangen“, feixt Blue.

„Im Ernst?“, sichere ich mich bei Honey ab.

Die nickt. „Ja, sie hat es nicht übers Herz gebracht, aber wir haben zum Glück Ersatz gefunden.“

Ich verziehe den Mund. „Aber du bist dabei?“, wende ich mich an die begabte Fotografin.

Sie zieht ihre knochigen Schultern nach hinten und richtet sich kerzengerade auf. „Was denkst du denn? Glaubst du etwa, dieses Spektakel lasse ich mir entgehen?“

Blue fotografierte bis zu Olivias Hochzeit nur Stillleben. In erster Linie Grabsteine und ab und zu Landschaften. Als ihr Bruder ihr den Job verschaffte, waren anfangs alle mehr als skeptisch, aber sie hat wirklich was drauf, und als Olivia die Hochzeitsbilder ins Netz stellte, konnte sie sich vor Aufträgen kaum noch retten.

Blue ist nicht bei jeder Hochzeit anwesend. Sie nimmt maximal eine pro Monat an und fotografiert ansonsten lieber weiterhin leblose Sachen. Sie hasst Menschen, sagt sie über sich selbst, und sich jede Woche solch einem Tumult auszusetzen, der bei einer Hochzeit herrscht, würde sie nicht aushalten. Dass sie aber bei dieser dabei sein würde, war mehr als sonnenklar.

Der Kellner serviert uns die drei Cocktails, die aus viel Rum und verschiedenen Fruchtsäften bestehen.

„Du weißt, dass wir nach diesem Drink auch Zombies sein werden?“, merkt Blue leise an und hält ihr Glas in die Höhe, um mit uns anzustoßen. „Ich bin ja nicht so der Freund von Alkohol, aber bei euch kommt man nicht drum herum.“

„Du tust ja fast so, als würde ich dich zum Trinken zwingen“, meckere ich.

„Bevor ich euch begegnet bin, habe ich nie getrunken“, teilt sie uns mit. Wer‘s glaubt!

„Du schläfst ja heute bei Casper, also verträgst du auch einen Drink.“ Honey stupst sie in die Seite und grinst frech.

„Du schläfst bei deinem Bruder?“, entfährt es mir umgehend. Was mir unter dem Tisch sofort einen Tritt gegen das rechte Schienbein einbringt. Aua!

„Denkst du etwa, ich fahre heute noch nach Staten Island zurück, wenn die Hochzeit morgen früh hier in Manhattan losgeht?“ Blue tippt sich mit dem Finger gegen die Stirn. „Ich bin doch nicht blöd. Hast du das Wetter gesehen? Und warum fragst du überhaupt?“

Noch ehe ich antworten kann, trifft mich ein weiterer Tritt. Ich sehe wütend in Honeys Richtung. „Hör auf damit“, zische ich.

„Mit was soll sie aufhören?“, will Blue wissen. Neugierig ist sie dann doch.

„Ach, nichts“, verleugnet Honey ihre körperlichen Züchtigungen mir gegenüber.

Ich neige den Kopf leicht zur Seite und begutachte Blue ausgiebig. „Weißt du, dass du deinem Bruder überhaupt nicht ähnlich siehst?“

Sie trinkt einen Schluck von ihrem Cocktail und wackelt mit den Augenbrauen. „Ich weiß, ich sehe viel besser aus.“

„Also ... na ja ... also ich .... anders“, versuche ich, mich freundlich auszudrücken, was mir böse Blicke meiner besten Freundin einbringt.

„Da wir gerade bei anders sind ...“ Blue zieht ihr schwarzes Wolljäckchen aus und zeigt uns stolz ihren rechten Arm. „Gestern gestochen.“

Ich verschlucke mich an meinem Cocktail und muss aufpassen, dass mir der Rest, den ich nicht rechtzeitig hinunterschlucken konnte, nicht aus den Nasenlöchern rinnt und halte mir die Hand vors Gesicht.

„Du hast deinen kompletten Arm tätowiert“, staunt Honey.

„Trash-Tattoo. Und? Wie gefällt‘s euch?“ Mit einem breiten Grinsen wartet sie auf Antwort.

Aus den in Schwarz und Rot gehaltenen Blumen fließt Blut. „Öhm ... also, ich weiß nicht, es sieht nach einer sauberen Arbeit aus“, versuche ich, mich aus der Affäre zu ziehen.

„Bluten diese Blumen etwa?“, fragt Honey und deutet auf den Arm.

„Super, oder?“, freut Blue sich, und hätte sie keine Ohren, würde sie wohl einmal rundum grinsen. Ich sag ja, in ihr steckt der Teufel.

„Wenn Rose das sieht, kippt sie um“, teile ich ihr mit und genehmige mir einen weiteren Schluck.

„Passt zu dir“, findet Honey und grinst amüsiert.

„Finde ich auch“, stimmt Blue ihr zu und hält ein weiteres Mal das Glas mit dem roten Cocktail in die Höhe. „Auf unsere Individualität“, sagt sie und deutet auf mein Shirt. Was haben nur alle gegen meine tollen Motivshirts?

 

 

Der Cocktail hatte es wirklich in sich. Blue streikte, nachdem sie das halbe Glas leerte, und verließ uns frühzeitig. Und als das Taxi vor meinem Laden hält und ich aussteige, lässt der Frischluftschub mich taumeln.

Honey hält mich leise lachend fest. „Du hast heute aber nicht viel vertragen.“

Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe zu meinem Ladenschild auf. Das rosa Brett ist auch im Dunkeln sehr gut zu erkennen. Sweetest Temptation steht dort in schwarzer Schrift, die von - von mir eigens gemalten - bunten Cupcakes umrandet ist.

„Du kannst stolz auf dein Geschäft sein und auf das, was du im letzten Jahr alles erreicht hast“, sagt Honey, die meinem Blick folgte.

„Ohne dich und deine Agentur hätte ich das nie geschafft“, gebe ich zu. Die vielen Aufträge machen einen großen Teil meines Einkommens aus.

„Soll ich dich noch nach Hause begleiten?“, geht sie nicht auf meine Aussage ein.

Honey wohnt nur wenige Meter von meinem Geschäft entfernt und meine Wohnung liegt direkt über dem Geschäft. Als die vor Kurzem frei wurde, schlug ich sofort zu. „Wir sollten noch einen Absacker trinken“, finde ich und ziehe Honey mit mir zum Ladeneingang.

„Können wir das nicht morgen nach der Hochzeit machen?“, grummelt sie.

„Du hast mich heute zweimal misshandelt, also trinkst du jetzt gefälligst noch was mit mir“, befehle ich ihr und schließe die Tür auf.

Honey folgt mir leise vor sich hin murmelnd  und geht schnurstracks hinter den Verkaufstresen, den ich erst neulich kunterbunt lackierte, und holt eine Flasche Himbeerlikör und zwei Gläser aus meiner Geheimschublade. Sie weiß mittlerweile, wo meine Likörchen zu finden sind, die ich zum Verfeinern der Kuchen verwende – NICHT.

Honey schenkt uns ein und sieht mich streng an. „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht treten, aber du hattest wieder diesen Gesichtsausdruck drauf, als wärst du nicht mehr ganz bei Sinnen.“

„Wie bitte meinst du das denn?“, entrüste ich mich und kippe mir den ersten Likör in die Kehle.

„Immer wenn du seinen Namen sagst, wirkst du total besessen“, erklärt meine Freundin.

Ich krause die Nase. „Du spinnst doch. Ich hab doch nur das Gespräch mit Blue gesucht.“

„Und das ging um ihren Bruder“, merkt sie stirnrunzelnd an.

Ich zucke die Schultern. „Na, und wenn schon? Er gefällt mir eben.“

Honey atmet hörbar aus. „Das Thema hatten wir doch schon mehrmals ... Casper ist nichts für dich, wann glaubst du mir das endlich?“

„Wenn du mir endlich mal eine Erklärung dazu liefern würdest, warum, dann könnte ich das vielleicht akzeptieren, aber du willst ...“, schmolle ich.

Honey legt die Hand auf meine Schulter und sieht mich durchdringend an. „Ich will, dass du mir vertraust, weil ich deine beste Freundin bin, und mir glaubst, dass ich dich niemals anlügen würde, und du weißt genau, dass ich keine Privatsachen von anderen Leuten ausplaudere, auch nicht dir gegenüber.“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und setze einen traurigen Welpenblick auf. „Du hast ja leicht reden, du hast Hunter. Mir gönnst du hingegen nicht mal ein wenig Spaß.“

Honey wohnt seit Kurzem mit ihrer großen Liebe zusammen. Die beiden sind ein Herz und eine Seele und füreinander bestimmt. Ich freue mich unendlich für die beiden. Sie haben es wirklich verdient, glücklich zu sein. Dass ich so etwas mit Casper wohl nicht haben kann, habe ich schon verstanden, ich bin ja nicht doof, aber Frau hat schließlich auch andere Bedürfnisse.

Honey schüttelt ungläubig den Kopf. „Nein, du willst keinen Spaß, ich kenne dich. Was du willst, ist Liebe.“ Sie tippt mir gegen die Brust. „Du brauchst jemanden, der dich hier drin befriedigt und nicht woanders und genau das ... kann Casper nicht.“

Ich lasse die Schultern hängen und genehmige mir noch einen Schluck Himbeerlikör. „Als Geschäftsfrau erfolgreich und im Privatleben die totale Niete.“

Meine letzte und zugleich erste Beziehung, die ich führte, war mit Bobby Junior von der Bobby´s Bakery Kette. Bis zu unserer Trennung arbeitete ich in seinen Geschäften, doch ich hielt es dort nicht mehr lange aus, nachdem wir kein Paar mehr waren. Er half mir damals über den Tod meiner Mutter hinweg und vielleicht hing ich deshalb so lange noch an ihm, keine Ahnung, aber die Trennung setzte mir schon erheblich zu. Mein sofortiger beruflicher Erfolg im Alleingang tröstete mich aber schließlich darüber hinweg.

Und jetzt, nachdem genügend Zeit vergangen ist, reicht mir das nicht mehr, ich will auch privat wieder glücklich werden. Nach über einem Jahr Abstinenz ist das wohl auch nicht verwunderlich. Ich bin mit meinen 25 Jahren in der Blüte des Lebens und habe keine Lust mehr, noch länger allein zu sein. Kann doch nicht so schwer sein. Oder?

Und dass Casper – dieser knackige Kerl – mir gefällt, dürfte Honey auch nicht verwundern. Ich will doch nur mal von ihm kosten, wie von einer Sahnetorte. Man weiß genau, dass es der Figur nicht guttut, aber man muss trotzdem ein kleines Ministück essen, nur damit man endlich Befriedigung erfährt. Ja, das ist Casper für mich – ein leckeres Sahneschnittchen.

„Es passiert alles zu seiner Zeit, und jetzt sollten wir schlafen gehen.“ Honey legt die Flasche in die Schublade zurück und drückt mich dann fest an sich. „Wir finden alle irgendwann unser Glück. Wer weiß, vielleicht ist ja morgen ein Untoter dabei, der dir gefällt.“

„Wir werden sehen“, verabschiede ich mich von ihr und bringe sie noch bis vor die Tür. „Bis morgen Abend.“ Ich werfe ihr noch eine Kusshand zu und sehe ihr nach, bis sie das Häusereck passierte und aus meiner Sichtweite verschwindet. Eine Zombiehochzeit und auf Casper werde ich auch treffen - meine Spannung steigt.


 


Three Millionaires - Tyron

„Gibt es hier ein Problem?“ Seine dunkle Stimme zieht mir sofort bis ins Mark.

Ich drehe mich zu ihm um und sehe in die blauesten und kühlsten Augen, die ich jemals zu Gesicht bekam. Ihr Ausdruck ist starr, eiskalt und sogar ein wenig angsteinflößend. Ohne auch nur eine einzige Wimper dabei zu bewegen, mustert er mich. Mir jagt ein Schauer über den Rücken.

„Was glotzen Sie denn so?“, purzelt es unaufhaltsam aus meinem Mund.

Jordan kneift mir in die Seite.

Ich sehe ihn über die Schulter hinweg an. „Stimmt doch. Was glotzt er denn so?“

Mein Freund macht einen gekonnten Satz und schiebt mich ein Stück beiseite. „Haben Sie hier was zu sagen?“, will er von dem Gaffer wissen.

Der reicht ihm die Hand. „Tyron Pine, ich bin der Manager des Hotels.“

Jordan erwidert seine Begrüßung. „Freut mich, dann können Sie ja hoffentlich unser Problem lösen.“

Tyron wendet sich der Frau hinter dem Empfangstresen zu, die bereits Tränen in den Augen hat. „Meredith, was ist los?“

„Die Herrschaften wollten zwei Einzelzimmer beziehen, aber ich habe im System nur ein Zimmer vermerkt“, nuschelt sie und senkt den Kopf.

Der Adamsapfel des Managers bewegt sich sichtbar auf und ab. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber an der verstört dreinblickenden Blondine erahnen. Wie kann man seinen Mitarbeitern nur solche Angst machen?

„Darüber reden wir später“, sagt er bedrohlich klingend zu ihr und wendet sich wieder an uns. Nun sondiert er Jordan vom Scheitel bis zur Sohle. Nach wenigen Augenblicken runzelt er die Stirn. „Jordan Brown? DER Jordan Brown?“

Oh, Gott, nein, das auch noch. Woher kennt er ihn überhaupt? „Ja, ist er“, teile ich ihm mit, ehe Jordan selbst antworten kann.

Tyron hebt die Augenbrauen, der Rest des Gesichts bleibt ausdruckslos. „Die Koryphäe im Bereich Fitness in meinem Haus.“

Ich hebe die Hand. „Schön, Zucker in den Hintern pusten können Sie ihm später, lösen Sie lieber unser Problem.“

Tyron streckt die offene Hand in Richtung der immer noch zitternden Frau aus. Ohne, dass er etwas sagen muss, legt sie ihm einen Zimmerschlüssel hinein. Dann wendet er sich an Jordan. „Herzlich willkommen in meinem Hotel, Mr. Brown. Das ist der Schlüssel zu unserer größten Suite. Sie hat zwei Schlafzimmer und ist zudem mit einigen Extras ausgestattet. Ich hoffe, das entschärft die missliche Lage etwas.“

Mein Freund nickt. „Also gut.“ Er nimmt den Schlüssel in Kartenform an sich und steckt ihn in die Hosentasche.

Ich greife nach meinem Koffer, werfe der Frau am Empfang einen mitleidigen Blick zu und folge meinem leise vor sich hin schimpfenden Mitbewohner. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“

Jordan bleibt stehen und dreht sich zu mir um. „Ach nein?“

„Was denn? Ist wie zu Hause: eine Wohnung, zwei Schlafzimmer. Wo ist dein Problem?“ Die Fragen, die ich ihm eben stellte, bereue ich bereits nach einer Sekunde wieder, denn ich kann mir denken, was er hier vorhat. Wilde Orgien feiern und so‘n Zeug. Ich kneife die Augen fest zusammen und halte mir die Ohren zu. „Schon gut, ich will es nicht wissen.“

„Wie schön, dass wir uns verstehen.“ Jordan seufzt leise.

„Weißt du, wer mir wirklich leidtut? Die arme Frau am Empfang“, flüstere ich, da ich immer noch das Gefühl habe, von dem düsteren Kerl beobachtet zu werden.

„Warum?“

„Was denkst du, was er jetzt mit ihr macht? Meinst du, er schlägt sie?“

Jordan entgleisen zuerst alle Gesichtszüge, dann lacht er. „Du hast echt eine blühende Fantasie.“

„Hast du nicht bemerkt, wie er sie angesehen hat?“

Jordan zuckt die Schultern. „Und wenn schon. Sie hat Mist gebaut, und zwar ziemlich großen. Meinetwegen kann er ihr dafür gern den kleinen Knackpo verhauen.“

 

Männer! Ich glaube, ich spinne. Kopfschüttelnd folge ich dem hormongesteuerten Etwas in unser Schlafgemach.


Weihnachtsküsse unter Palmen

Die Münchner Fußgängerzone ist weihnachtlich dekoriert. Überall blinkt und glitzert es. Normalerweise mag ich die Adventszeit. Die heimelige Stimmung, der Duft von Lebkuchen und Glühwein, der einem in die Nase steigt, wenn man einen Weihnachtsmarkt besucht, und die Zeit mit der Familie, aber dieses Jahr kann ich nichts davon leiden. Die leuchtenden Schneesterne scheinen mich jeden Augenblick zu erschlagen.

Ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf und laufe zur U–Bahn Station. Es liegt zwar kein Schnee, aber es ist bitterkalt. Dieses Wetter ist überhaupt nichts für mich. Ich bin eher so der Sommertyp.

Als ich zu Hause die Wohnungstür aufschließe, fühle ich mich leer und erfroren. Ich lege den Mantel ab, stelle die Winterstiefel in die Ecke und lasse mir ein Schaumbad ein.

Meine Zehenspitzen brennen, als ich in das warme Wasser steige. Nur wenige Meter in dieser Kälte und ich bin ein Eisklotz. Das muss an meiner Herkunft liegen. Geboren wurde ich im wunderschönen Spanien. Meine Eltern zogen aber, als ich fünf Jahre alt war, der Arbeit wegen nach Deutschland. An meine Kindheit kann ich mich kaum mehr erinnern. Schade eigentlich, und obwohl wir meine Großmutter regelmäßig im Sommer besuchten, sah ich es nie mehr als meine Heimat an. Seitdem sie vor fünf Jahren verstarb, waren wir nicht mehr dort. Meine Eltern tingelten in ihrer Urlaubszeit seitdem lieber durch den Rest der Welt und ich hatte mit dem Aufbau meines Geschäftes viel zu viel zu tun.

Ich schweife ab und überlege mir, ob ich mir einen Marzipantee aufbrühen soll. Den Einfall verwerfe ich jedoch gleich wieder. Nein, zu weihnachtlich. Ich habe keine Lust auf dieses ganze Szenario. Nicht dieses Jahr. Ich schließe die Lider und tauche unter die Schaumberge. Alles um mich herum wird ruhig. Für einen Augenblick fühle ich mich wieder wohl. Keinerlei Sorgen, niemand liegt mir in den Ohren, es gibt nur mich.

Plötzlich schwebt das Bild meiner Großmutter vor meinem inneren Auge. Vielleicht sollte ich weggehen. Vielleicht sollte ich München, meinen Laden, alles, was mich an mein Scheitern erinnert, hinter mir lassen. Zumindest für eine Weile.

 

Ich tauche wieder auf, wische mir den Schaum aus dem Gesicht, ziehe die Beine an, schlinge die Arme darum, lege das Kinn darauf und grübele weiter über meine spontane Idee nach.


(K)ein Plan in Sachen Liebe

Eins

 

 

 

"I

st dein Bräutigam startklar?“, erklingt Caspers raue Stimme durch das Headset in meinem Ohr.

Ich werfe einen Blick nach rechts und sondiere das zitternde Bündel neben mir. Der große, dunkelhaarige, breitschultrige Mann trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und um den Hals eine dunkellila Fliege. Sein Gesicht ist verzerrt, die Wangen beben, das rechte Augenlid zuckt. Ich lege die flache Hand auf seine Schulter und streiche beruhigend darüber. Er scheint mich nicht wahrzunehmen, sondern starrt ins Leere, wobei er mit der Fußspitze auf den Boden tippt.

„Was ist denn nun? Kann es losgehen?“, fragt mein Kollege ungeduldig.

„Wir sind nicht auf der Flucht, sondern bei einer Hochzeit, also warte, bis ich dir das Okay gebe“, ermahne ich ihn leise.

Für Casper muss alles stets nach genauem Zeitplan ablaufen. Er kann es nicht leiden, wenn sich etwas auch nur um wenige Minuten verschiebt. Generell ist das ja nicht schlecht, aber wir arbeiten mit Menschen, nicht mit Gegenständen. Er muss eindeutig geduldiger werden.

Mein Schützling neben mir atmet hörbar tief ein, wobei ihm kleine Schweißperlen über die Stirn rinnen. Er faltet die Hände vor der Körpermitte und setzt sich in Bewegung, allerdings in die falsche Richtung.

„Was ist denn da bei euch los?“, nervt Casper mich.

„Muffensausen“, flüstere ich.

„Wenn dein Bräutigam sich nicht langsam einkriegt, dann wird meiner auch noch nervös. Also erledige deinen Job und beruhige dieses Nervenbündel“, gibt er mir leicht schroff zu verstehen.

Ohne ihm zu antworten, drücke ich auf den kleinen, roten Knopf am Headset, schalte Casper damit stumm und folge meinem Schützling mit schnellen Schritten.

Als er merkt, dass ich ihn verfolge, bleibt er im Schatten eines Baums stehen und dreht sich zu mir um. Die Hände steckt er in die Taschen seiner Anzughose, legt den Kopf in den Nacken und sieht gen Himmel. „Die Blätter, wie sie seicht im Wind tanzen, ist das nicht schön?“ Er schließt die Lider und lächelt. Egal, was ihm gerade durchs Hirn schwirrt, es scheint etwas Gutes zu sein, weshalb ich beschließe, genau das aufzugreifen.

„An was denken Sie gerade?“

Er öffnet die Augen, die in einem hellen Grün leuchten, und deutet auf die Holzbank neben ihm. „Hier haben Eric und ich uns kennengelernt, genau unter diesem Baum. Wir saßen stundenlang nebeneinander auf dieser Bank und beobachteten die Blätter über uns. Es ist beruhigend, ihnen zuzusehen, finden Sie nicht?“

„Wollen wir uns setzen?“, biete ich ihm an.

Er nickt, lässt sich auf der Bank nieder, legt die Arme über die Lehne und sieht mich an. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als noch viele weitere Jahre mit ihm auf dieser Bank zu sitzen.“

Ich geselle mich zu ihm und habe nun eine Ahnung, was in ihm vorgeht. Er hat keine Angst vor seinem Ehemann, sondern vor etwas ganz anderem.

„Genau das sollten Sie ihm sagen, in genau diesen Worten“, ermutige ich ihn.

Er reißt die Augen weit auf, seine Stirn ist nun von Schweiß regelrecht getränkt. Ich hole ein weißes Stofftuch aus meiner Tasche und reiche es ihm. Er nimmt es an sich und tupft sich trocken.

„Woher wissen Sie, was mich zurückhält, zu ihm zu gehen?“, fragt er immer noch leicht irritiert.

Ich klopfe ihm auf den Oberschenkel und stehe auf. „Das ist mein Job.“

„Sie sind eine sehr empathische Frau, Honey. Eric hatte den richtigen Riecher mit Ihrer Agentur.“

„Vielen Dank“, nehme ich das Kompliment an und lächele erfreut.

„Meinen Sie, dieser eine Satz reicht?“, hadert er noch immer mit seinem Eheversprechen.

Ich nicke. „Man kann einen ganzen Roman vorlesen, der am Ende nichtssagend ist. Verstehen Sie, was ich Ihnen damit sagen will? Es ist nicht die Quantität, sondern die Qualität der Worte, und ich bin mir sicher, dass genau dieser eine Satz Erics Herz zum Schmelzen bringen wird.“

Während sich mein Schützling erneut die Stirn trocken tupft, schalte ich das Headset wieder ein. „Casper, wir sind dann soweit. Bringst du bitte Eric auf Position?“

„Wird ja auch langsam Zeit“, beschwert er sich. „Wir sind bereits zehn Minuten in Verzug und ... Ja, alles klar.“

„Alles wird gut“, beschwichtige ich Casper.

„Ist Eric bereit?“, vernehme ich die Stimme meines Bräutigams neben mir.

„Ja, ist er“, bestätige ich.

Er richtet sich auf und stolziert mit militärischen Schritten in Richtung Ladies-Pavillon im Central Park.

Es ist wohl einer der romantischsten Orte New Yorks, an dem schon viele Liebesszenen bekannter Filmklassiker gedreht wurden. Der abgelegene Ort direkt neben einem See, die der Antik nachempfundene Bauweise und die Schönheit des Festzeltes haben diesen Platz zu einer der gefragtesten Locations für Trauungen werden lassen.

„Wir erreichen euch in einer Minute“, benachrichtige ich Casper.

Mein Schützling bleibt stehen und positioniert sich auf einem kleinen Kiesweg, genau wie wir es probten, und holt noch einmal tief Luft. Er ist bereit. In exakt dieser Sekunde stimmt ein vierköpfiger Chor eine A-cappella-Version des Welthits Hallelujah an.

Der Bräutigam wirft mir einen letzten dankbaren Blick zu und setzt sich dann in Bewegung. Glücklicherweise nicht mehr so militärisch, sondern leichtfüßiger. Wie von der Melodie getragen schwebt er förmlich auf den Pavillon zu, der aus Gusseisen, Schiefer, Holz und Stein besteht.

In Erics Gesicht kann ich die Vorfreude erkennen. Er sieht überglücklich aus. Sein blondes, kurzes Haar trägt er leicht nach hinten gegelt. Im Gegensatz zu seinem Mann ist er um einiges schmächtiger. Sein weißer Anzug, das schwarze Hemd und die dunkellila Fliege stehen ihm ausgezeichnet.

Als mein Schützling die Bluestone-Stufen in Zeitlupe bezwingt und unter das graue Schieferdach zu seinem Bräutigam tritt, nimmt er ihn an die Hand und führt ihn vor den Trauredner.

Der Chor klingt wirklich wundervoll, die engelsgleichen Stimmen bescheren mir auf jedem Millimeter meines Körpers Gänsehaut. Ich schließe die Augen und summe die Melodie bis zum Ende leise mit.

„Wir haben uns heute hier versammelt, um ...“, beginnt der Trauredner seine Ansprache, und genau in diesem Moment gesellt sich Casper zu mir, legt einen Arm um meine Schultern und drückt mir einen Schmatzer auf die Wange.

„Sieht doch gut aus“, stellt er zufrieden fest.

„Haben wir prima hinbekommen“, stimme ich zu.

Als ich vor etwa einem Dreivierteljahr meiner kleinen Heimatstadt Live Oaks im Bundesstaat Texas den Rücken kehrte, wusste ich nur eins: Ich wollte Weddingplanerin werden, und zwar in New York. Meinen Eltern schmeckte meine Idee überhaupt nicht. Sie konnten nicht verstehen, warum ich die Familienranch für solch eine Luftikus-Idee verließ. Ich sollte Farmerin werden, das wurde mir schließlich in die Wiege gelegt. Honey, das Cowgirl. Doch bereits im zarten Alter von etwa drei Jahren brodelte der Wunsch in mir, Hochzeiten zu gestalten, und ließ sich nicht mehr verdrängen.

 

Ich verheiratete ab diesem Zeitpunkt alles, was mir in die Finger kam. Meine Puppen, meine Teddys, die Pferde und Rinder meines Vaters ... Spätestens als ich meine Mutter dazu zu bringen versuchte, sich eine Hütehunddame anzuschaffen, nur damit ich Benshy, unseren fünf Jahre alten Australian Shepard, mit ihr verheiraten konnte, hätte ihr klar sein müssen, dass der Traum sehr tief in mir verankert ist und ich sie deshalb irgendwann verlassen musste.


Innocent - Gefährliches Verlangen

Kapitel 1

 

Cole 

 

 

Dunkelheit.

Beängstigende Stille.

Verschwommene Sicht.

Nebelschwaden.

Eisige Kälte.

Ich halte mich an einem Baumstamm fest, dessen Rinde bereits abblättert. Das Holz ist klamm. Ich atme tief durch und höre in der Ferne plötzlich ihre Schreie. Sie ruft meinen Namen, bittet mich, ihr zu helfen. Ein finsterer Schleier legt sich vor meine Augen, lässt die Sicht noch mehr verschwimmen.

Mein Körper ist ausgelaugt, müde, jeder einzelne Muskel schmerzt. Ich will sie retten, auch wenn ich das, was ihr so Angst macht, nicht greifen kann. Doch sie ist so weit von mir entfernt. Zu weit. Als ihre Silhouette am Ende des Waldes erscheint und mich flehend zu sich winkt, sammele ich meine letzten Kräfte und renne ...

Aus jeder einzelnen Pore meiner Haut dringt Schweiß, der mir über die Schläfen und den Rücken rinnt. Ich schnelle im Bett hoch und schnappe nach Luft.

Ihre wimmernde Stimme hallt noch immer in meinen Ohren nach. Es ist fortwährend der gleiche Traum, der mich verfolgt und mich nicht mehr zur Ruhe kommen lässt, und das seit fast auf den Tag genau zwei Jahren.

Ich werfe einen Blick auf den Wecker, der auf dem nussbaumfarbenen Nachttisch neben mir steht. Die roten Zahlen blenden mich. Ich blinzele mehrmals, ehe ich erkennen kann, dass es drei Uhr nachts ist.

Schwerfällig drehe ich mich zur Seite und suche neben dem Bett nach einer Flasche Mineralwasser. Wann wird dieser Traum endlich aufhören? Werde ich jemals wieder ruhigen Schlaf finden, solange ich nicht weiß, was mit ihr geschah?

Ich leere die Glasflasche in einem Zug. Mein Organismus fährt langsam wieder auf Normaltemperatur. Vollkommen ermattet lasse ich mich in die Kissen sinken, schließe die Augen und hoffe, dass ich die letzten zwei Stunden, die mir noch bleiben, ohne Albtraum verbringen kann. In mir tobt Ungewissheit. Ich versuche, an nichts und niemanden zu denken, vor allem nicht an sie.

Mit offenem Mund sauge ich Luft in die Lungenflügel, kontrolliere damit meine holprige Atmung. Langsam leert sich mein Kopf, ich komme zur Ruhe und falle in einen Dämmerschlaf ...

 

Wildes Pochen an der Wohnungstür lässt mich aufschrecken. Ich werfe einen Blick auf den Wecker. Es ist vier Uhr morgens. Das Klopfen wird lauter, zudem ertönt das Geräusch der Klingel. Wer zum Teufel ist das? Wenn das wieder der Nachbar aus dem ersten Stock ist, um mich nach Zigaretten zu fragen, setzt es was. Der Kerl geht mir seit Wochen gehörig auf die Nerven. Ich greife nach der schwarzen Glock 19, die einsatzbereit neben mir liegt, und gehe zur Tür.

„Wer ist da?“, rufe ich, denn durch den Spion kann ich niemanden erkennen.

„Ich bin´s“, erklingt eine mir gut bekannte Stimme auf der anderen Seite. Morgan Lentin! Mein Vorgesetzter beim FBI. Was will der hier?

Ich schiebe die drei goldenen Sicherheitsriegel zur Seite und öffne ihm.

Der Brillenträger, der sein lichtes Haar stets nach hinten gegelt trägt, nickt mir mit ernstem Gesichtsausdruck zu. In der einen Hand hält er ein Stück Papier, die andere steckt leger in der Tasche seiner schwarzen Anzughose. Im Erdgeschoss vernehme ich Schritte, leises Zischen und mir gut bekannte Geräusche. Mein Gehirn schaltet sofort auf Alarmstufe rot.

„Was ist hier los?“, will ich wissen.

Morgan streckt die Hand aus. „Cole, gib mir die Waffe und lass uns rein gehen. Wir müssen reden“, teilt er mir in einem Ton mit, der mir auf der Stelle Adrenalin in die Blutbahn jagt.

Ich ziehe die Nase kraus. „Was ... wieso?“

Er bewegt den Kopf hin und her, sodass seine Wirbel knacksen. „Hör zu, gib sie mir und lass mich rein, oder willst du hier ein riesiges Aufsehen erwecken?“

Da ich nicht so richtig begreifen kann, was hier los ist, folge ich seiner Aufforderung und reiche ihm mein Baby.

„Alles klar!“, ruft er übertrieben laut. Er hat jemandem Entwarnung gegeben.

„Was ist hier los?“ Ich deute an ihm vorbei. „Wer ist da unten?“

„Lass uns reingehen“, übergeht er meine Fragen.

Ich will mich an ihm vorbeidrängen, um zu sehen, was da unten abgeht, doch er hält mich zurück und schiebt mich in die Wohnung. „Du solltest dir etwas anziehen.“

„Haben wir einen Spezialeinsatz, oder warum benimmst du dich so merkwürdig?“

Morgan nimmt auf dem ledernen Zweisitzer im Wohnzimmer Platz. „Geh dich anziehen, dann reden wir.“

Er wirkt angespannt, ja, man könnte fast meinen, er wäre nervös. Als er meine Pistole neben sich legt und an seinem Krawattenknoten zieht, lasse ich ihn allein zurück und gehe ins Schlafzimmer.

Während ich mir eine hellblaue Jeans und ein schwarzes Shirt überziehe, versuche ich, zu klarem Verstand zu kommen. Unten im Hauseingang steht definitiv ein Team. Den Geräuschen nach zu urteilen dürfte es aus mindestens vier Leuten bestehen. Dass Morgan mich mitten in der Nacht persönlich zu einem Einsatz abholt, kam in den ganzen sechs Jahren, die ich jetzt fürs FBI tätig bin, bisher nur zweimal vor. Es muss also etwas sehr Wichtiges sein. Doch warum nimmt er mir die Waffe ab?

Grübelnd setze ich mich ihm gegenüber auf einen Hocker, lege die Unterarme auf die Oberschenkel und sehe ihn fragend an. „Also, was gibt es?“

Er räuspert sich und richtet den Rücken gerade. „Wir haben Miriam gefunden.“

Es versetzt mir augenblicklich einen Stich. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf. „Was?“, schreie ich. „Wo ist sie?“

Morgan atmet hörbar aus. „Cole, setz dich wieder hin“, befiehlt er mir autoritär.

Das könnte dem so passen! „Nein! Ich will jetzt sofort wissen, wo sie ist.“

Er erhebt sich ebenfalls und baut sich vor mir auf. Zumindest versucht er es, denn er ist weder größer noch breiter als ich. „Ich will das Ganze hier in Ruhe hinter mich bringen. Also setz dich bitte wieder hin.“

Ich fahre mir mit der flachen Hand übers Gesicht und stecke dann beide Hände in die Hosentaschen meiner Jeans. „Willst du, dass ich aus der Haut fahre, oder warum benimmst du dich so? Du weißt, wie gering meine Frustrationstoleranz ist, wenn es um Miriam geht.“

Morgan knirscht mit den Zähnen. Ihm laufen kleine Schweißperlen über die hohe Stirn. Er hat Angst vor mir, das spüre ich. Nein, besser, ich kann es sogar riechen. „Okay, ich wollte es anders regeln, aber ...“ Den Rest des Satzes verschluckt er, geht zur Tür, öffnet sie und gibt einen Pfiff von sich.

 

Urplötzlich begreife ich, was hier los ist. Ich hechte zu meiner Waffe, die dieser Idiot auf dem Sofa liegen ließ, und richte sie auf ihn. In dem Moment stürmen vier Beamte meine Wohnung und richten ihrerseits ihre Pistolen auf mich.


Rock Pray Love - Mitten ins Herz

Eins

 

„Virginia, bist du hier?“, vernehme ich die helle, hallende Stimme meiner kleinen Schwester. „War mir ja so was von klar, dass du hier rumkriechst“, merkt sie leicht zynisch an und stolziert mit einem breiten Grinsen auf mich zu.

„Und wieso drückst du dich vor der Arbeit?“, will ich von ihr wissen.

Sie bleibt vor den drei Stufen stehen, die zum Altar führen, und zuckt die Schultern. „Du bist doch jetzt wieder da.“

Seit zwei Semestern studiere ich am College von Idaho Philosophie und Religionswissenschaften, da ich irgendwann einmal in die Fußstapfen meines Vaters treten möchte. Er ist der Pastor der evangelischen Kirchengemeinde in Preston, einem kleinen, schnuckeligen, verschlafenen Städtchen, in dem ich aufwuchs und bis vor Kurzem mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester Zoey lebte.

Der Umzug ans College fiel mir nicht leicht, doch die Entfernung ließ es nicht anders zu. Seit gestern bin ich wieder zu Hause und genieße meine Semesterferien. Gott, wie habe ich das alles hier vermisst!

Morgen ist Sonntag, und es war schon immer unsere Aufgabe, den Altar zu schmücken sowie die Gesangsbücher und die Bibeln auf den Sitzbänken zu verteilen.

Meiner Schwester machte das Ganze noch nie auch nur halb so viel Spaß wie mir. Sie ist im Allgemeinen ein komplett anderer Typ als ich und hat mit ihren 15 Jahren so viele Flausen im Kopf wie ich noch nie in meinem ganzen Leben. Doch als ich auf den Campus zog, versprach sie mir, unserem Vater mehr unter die Arme zu greifen.

„Hast du dich an unsere Abmachung gehalten oder musste Dad alles alleine machen?“, frage ich und musterte sie scharf.

„Natürlich“, kreischt sie entrüstet.

Ich streiche die weiße Decke glatt, die über dem Gottestisch hängt, und schiebe die Kerzen in die richtige Position. „Dann ist ja gut.“

Zoey stellt sich neben mich und beäugt mich mit ihren rehbraunen Augen. „Kommst du nachher mit zu Ashley?“

„Du gehst zu Ashley? Seit wann das denn?“ Jetzt bin ich aber wirklich überrascht!

Ashley leitet seit etwa drei Jahren das sogenannte Jesus House. Junge Christen treffen sich Samstagabend bei ihr zu Hause und verbringen einen lockeren Abend zusammen. Früher gab es keinen Abend ohne mich, doch meine Schwester weigerte sich stets strikt, mich zu begleiten.

Sie verzieht ihren kleinen, schmalen Mund. „Keine Ahnung, ich war schon einige Male dort.“

Ist sie vielleicht doch gar nicht mehr so pubertär und wild wie ich dachte? Als ich gestern Nacht hier ankam, schlief sie bereits, und als ich heute Morgen aufstand, war gerade noch so viel Zeit, um sich zu begrüßen, ehe sie das Haus verließ.

„Dir gefällt es also bei Ashley?“, hake ich neugierig nach.

Zoey bläst die Wangen auf und nickt verhalten. Bereits bei dieser Reaktion wird mir klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt.

„Also, was ist nun?“, fragt sie und hibbelt nervös von einem aufs andere Bein.

„Hast du dort etwa einen Freund?“

Sie reißt die Augen weit auf. „Was? Spinnst du?“

„Du verhältst dich merkwürdig“, kommentiere ich ihre Reaktion leise.

Zoey schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung, was dir auf dem College nicht guttut ...“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und zieht die angemalten Augenbrauen nach oben. „Kommst du nun mit oder nicht?“

„Natürlich komme ich mit.“

Sie wendet sich von mir ab und rennt in Richtung Ausgang. „Dann sieh zu, dass du hier fertig wirst.“

Ich erledige noch die letzten Handgriffe und mache mich dann auf den Heimweg.

Unser Elternhaus liegt nur wenige Gehminuten von der Kirche entfernt. Ich atme die laue sommerliche Abendluft tief in die Lungen und schlendere über den Gehsteig. Als ich in die Zielstraße einbiege, entdecke ich Jutta, die - in ein Buch vertieft - in einem Schaukelstuhl auf ihrer Veranda sitzt. Sie und ihr Mann Heinz-Jörg wanderten vor über zwanzig Jahren von Deutschland nach Preston aus. Sie sind gute Freunde meiner Eltern und wohnen uns direkt gegenüber. Jutta ist wie eine zweite Mutter für mich. Dass ich sie heute noch nicht besuchte, nimmt sie mir hoffentlich nicht übel. Doch mich an ihr vorbei zu schleichen, ist nicht meine Art.

„Hallo Jutta“, rufe ich ihr deshalb von der anderen Straßenseite aus laut zu.

Sie hebt den Kopf, entdeckt mich, und sofort legt sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Virginia, Schätzchen. Du bist ja wieder da“, freut sie sich.

Ich bleibe stehen und winke ihr zu. „Schon seit gestern Nacht. Entschuldige, dass ich heute noch nicht bei euch war. Ich komme morgen vorbei. Mum und Dad warten sicher schon mit dem Essen, und gleich gehe ich noch mit Zoey zu Ashley.“

„Immer noch die Alte“, lacht sie.

„Du aber auch. Was liest du denn da?“ Jutta ist eine absolute Leseratte und verschlingt Bücher so schnell wie andere ihr Mittagessen.

Sie winkt ab. „Nichts für dich. Nur eine Liebesschnulze.“

Pah! Nichts für mich. Sie immer mit ihren zweideutigen Anspielungen. Liebesromane sind zwar wirklich nicht meine Lieblingslektüre, aber ich habe sogar schon mal einen gelesen. Oder waren es sogar zwei? Und dass Liebe mich nicht interessiert, stimmt so auch wieder nicht. Natürlich habe ich vor, später einmal zu heiraten und eine Familie zu gründen, doch im Moment liegt mir dieser Gedanke noch komplett fern. Erstens fühle ich mich noch zu jung dafür, zweitens will ich mein Studium in Ruhe und ohne Ablenkung absolvieren und drittens liebe ich ja auch schon jemanden ... Gott! Ich weiß also, wie sich so etwas anfühlt.

„Alles klar“, gebe ich knapp zurück und werfe ihr eine Kusshand zu. „Bis morgen.“

Jutta winkt mir zu und vertieft sich sofort wieder in ihr Buch.

 

„Da bist du ja endlich. Wir warten schon“, ruft meine Mutter mich herbei, als ich das Haus betrete.

„Bin gleich da, nur noch schnell Hände waschen“, teile ich ihr mit und sehe zu, dass ich so schnell wie möglich den Tisch erreiche, denn wenn meine Mum eins hasst, dann ist es kaltes Essen.

Schnurstracks setze ich mich an meinen mir zugedachten Platz und falte die Hände, während mein Vater mir einen Teller voll mit Gemüseauflauf vor die Nase schiebt.

„Willst du das Tischgebet sprechen?“, fragt er mich.

„Sehr gern“, antworte ich und warte, bis sich auch endlich meine Schwester dazu bequemt, ihre Hände zu falten.

„Segne, Vater, diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise. Wir bitten, Herr, sei unserm Haus ein steter Gast, tagein, tagaus, und hilf, dass wir der Gaben wert, die deine Güte uns beschert. Amen.“

„Guten Appetit, lasst es euch schmecken“, erteilt meine Mutter uns das Kommando.

Zoey, die rechts neben mir sitzt, stochert mit der Gabel in ihrem Auflauf herum. Sie hasst Gemüse und gehört eher zur Fast Food-Fraktion. Blöd nur, dass es das bei uns nicht gibt.

Als sie noch kleiner war, baute sie in unserem Vorgarten einen Limonaden-Stand auf, nur um sich dann von dem Geld, das sie damit einnahm, einen fettigen Burger im einzigen Diner zu kaufen, das wir in Preston haben. Ja, meine kleine Schwester war schon immer erfinderisch, das muss man ihr lassen. Ihr Gesichtsausdruck, als sie damals nach Hause kam und unseren Eltern erklären musste, warum sie keinen Hunger mehr hatte, war einfach nur zum Schießen. Immer wenn sie etwas verbockt, setzt sie ihren Welpenblick auf und sieht unsere Eltern damit an, die auf der Stelle dahin schmelzen und ihr nicht mehr böse sein können.

Glücklicherweise muss ich so etwas nicht können, ich stelle ja nichts an. Wenn ich intensiver darüber nachdenke, bin ich das personifizierte gute Kind. Meine Eltern hatten niemals Ärger mit mir, konnten sich immer auf mich verlassen, und ich machte ihnen durchweg Freude.

Mit Zoey haben sie es da schon um einiges schwerer, doch ihre Liebe zu uns ist unerschütterlich. Sie sind wunderbare Eltern und die geradlinigsten Menschen, die mir jemals über den Weg liefen.

„Virginia und ich gehen heute noch zu Ashley“, murmelt meine kleine Schwester plötzlich kaum hörbar neben mir.

Mein Vater legt seine Gabel beiseite, stützt die Ellenbogen auf den Tisch, faltet die Hände und lächelt mich an. „Du hast sie also dazu gebracht, mit dir mitzugehen. Wie hast du das nur geschafft?“

 

Im ersten Moment bin ich so perplex, dass ich ihn nur mit offenem Mund anstarre. Als ich dann auch noch den neugierigen Blick meiner Mutter auf mir spüre, bildet sich Schweiß auf meiner Stirn. Sie hat also gelogen. Zoey war noch nie dort. Was soll das alles?


Express Man: Marcello

Verlangen ...

 

Mit den Unterarmen auf dem weißen Zeichentisch abgestützt beuge ich mich über die neuesten Entwürfe meines Chefdesigners. Grübelnd sehe ich sie mir an und frage mich, was er mir damit sagen will.

Vor einem Jahr übernahm ich die Modelinie meiner Mutter, da ihr urplötzlich einfiel, sich auf einem anderen Wege selbst verwirklichen zu wollen. Das Geschäft läuft gut, und doch waren meine Ambitionen ursprünglich gänzlich anderer Natur. Ich hatte vor, zu reisen, die Welt zu entdecken und mich frei zu fühlen, ehe ich in ihre Fußstapfen trete. Doch daraus wurde nichts, und manchmal bin ich deshalb wirklich sauer auf sie. Nichtsdestotrotz gebe ich hier mein Bestes, um ihre einst mühsam aufgebaute Existenz, mit der sie die gesamte Familie ernährte, nicht gegen die Wand zu fahren. Deshalb regen mich solche dahin geklatschten Zeichnungen wirklich auf.

„Luca, kannst du bitte mal kommen?“, rufe ich nach dem Urheber.

Es kommt jedoch keine Antwort. Alles, was ich höre, ist - Stille. Es ist bereits kurz nach Sonnenuntergang. Ob er auch schon wie all die anderen gegangen ist? Ich gebe einen leisen Seufzer von mir und beschließe, den Anschiss auf morgen zu verschieben, als jemand mich urplötzlich von hinten anrempelt und gegen den Tisch presst, mir gleichzeitig unter den schwarzen, knielangen Rock fährt und seine Finger in meine Oberschenkel krallt.

Für einen kurzen Augenblick genieße ich die Berührungen. Er küsst meinen Nacken. Sein warmer Atem kribbelt auf meiner Haut. Seine Hände wandern zwischen meine Schenkel und versuchen, sie auseinander zu drücken.

„Spreiz die Beine“, stöhnt er mir leise ins Ohr.

In diesem Moment komme ich wieder zu mir und stoße ihn von mir weg. Ich richte meine Kleidung, drehe mich zu ihm um und sehe ihn streng an. „Kannst du mir mal sagen, was dich bei diesen Entwürfen geritten hat?“

Er atmet schwerfällig aus. Seine grünen Augen leuchten. Auf seinen Lippen liegt ein amüsiertes Lächeln. „Du, würde ich mal sagen.“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und schüttele den Kopf. „Wann wirst du endlich begreifen, dass unsere kleinen Schäferstündchen zu Ende sind?“

Er rümpft die Nase. „Schäferstündchen, wie sich das anhört. So altmodisch.“

Ich wählte dieses Wort mit Absicht, um ihm ein weiteres Mal begreiflich zu machen, dass der Altersunterschied zwischen uns zu groß ist. Luca und mich trennen zehn Jahre. Anfangs genoss ich es, von einem viel jüngeren Kerl begehrt zu werden, doch schnell musste ich feststellen, dass mir die Erfahrung, die reifere Männer mit sich bringen, doch sehr fehlte. Nicht, dass er schlecht war, nur den letzten Kick konnte er mir nicht verschaffen, und wenn ich etwas hasse, dann ist es Langweile.

Als ich damals eine Affäre mit ihm begann, arbeitete er noch für meine Mutter. Daher hatte ich damit kein Problem und es war immerhin besser, als überhaupt keinen Sex zu haben. Doch jetzt bin ich seine Chefin, und deshalb beendete ich diese Liaison vor einem halben Jahr. Leider will der kleine Luca das noch immer nicht richtig begreifen und langsam, aber sicher gehen mir seine dummen Anmachen tierisch auf die Nerven.

„Können wir jetzt bitte zur Arbeit zurückkehren?“ Ich drehe mich von ihm weg und tippe auf die Zeichnungen vor mir.

Er stellt sich neben mich und sieht auf seine Armbanduhr. „Das sollten wir morgen machen.“

„Nein, das tun wir jetzt, und zwar sofort!“ Ein weiteres Mal ärgere ich mich, dass ich ihn so nahe an mich heranließ, denn er verlor eindeutig sämtlichen Respekt vor mir.

„Willst du deine Mutter etwa warten lassen?“, fragt er und grinst dabei schief.

„Was? Wieso?“

„Vernissage“, antwortet er knapp.

Verdammter Mist! Meine Mutter eröffnet heute ihre Kunstausstellung. Wie konnte ich das nur vergessen?

„Und das Motto lautet grün. Ich sehe an dir aber nichts Grünes“, fügt er noch hinzu.

„Vielleicht trage ich ja grüne Unterwäsche.“

„Tust du nicht. Können wir dann gehen? Sie mag es nicht, wenn wir unpünktlich sind.“

Wie kommt er nur auf den hohlen Schwachsinn, ich würde gemeinsam mit ihm dorthin fahren? „Luca ich habe bereits eine Verabredung. Die holt mich in wenigen Minuten ab“, lüge ich.

Seine Augen weiten sich. „Ach ja? Das glaube ich dir nicht.“

In mir brodelt Wut auf. Ich runzele die Stirn und hoffe auf einen Blitzeinfall. Urplötzlich schießt mir die Express-Men Agentur durch den Kopf. Natürlich, warum kam ich nicht früher darauf? Die Dienste dieser Agentur nahm ich schon des Öfteren in Anspruch. Alle Männer, die ich bisher kennenlernte, sind adrett, können sich benehmen und wissen, was eine Frau will.

Meistens begleitete Allesandro mich zu wichtigen Geschäftsessen, Terminen oder Abendveranstaltungen wie Theaterbesuchen oder auch Familienessen. Meine Eltern fragten mich nicht, wer das war. Erstens bin ich alt genug, um zu wissen, was ich tue, und zweitens war ihnen nur wichtig, dass meine Begleitung die Etikette beherrscht, und das tut er.

Ich greife nach meinem Handy, das neben den Entwürfen auf dem Tisch liegt, und wähle die Nummer der Agentur.

Nach zweimaligem Läuten erklingt Luisas Stimme. „Express-Men Agentur, was kann ich für Sie tun?“

„Luisa, hallo, ich bin‘s, Aurelia Rossini. Ich habe heute Abend einen wichtigen Termin und total vergessen, Allesandro dafür zu buchen. Bitte sag mir, dass er noch frei ist.“

Luca steht mit offenem Mund vor mir und sieht mich erschrocken an.

„Hallo Aurelia, leider ist das etwas sehr kurzfristig. Allesandro hat bereits einen anderen Auftrag.“

Die Worte ‚verdammte Scheiße‘ schlucke ich schnell hinunter.

„Kannst du mir dann einen anderen Mann anbieten? Einen mit guter Etikette?“

Luisa, die Chefin der Agentur, räuspert sich. „Alle unsere Männer haben gute Manieren.“

„Natürlich, entschuldige. Ich ... bin nur sehr im Stress.“

„Moment, ich sehe nach.“

Einige Sekunden herrscht Stille am anderen Ende. Ich sehe auf die Wanduhr, die mir direkt gegenüber hängt, und stelle fest, dass Luca wieder einmal übertrieben hat. Die Vernissage beginnt erst in einer Stunde. Puh!

„Marcello wäre noch frei“, meldet Luisa sich schließlich zurück.


Burlesque Princess

Mein Herzschlag erhöht sich. Jetzt wird es also ernst. Da ich noch nicht einmal weiß, was er nun mit mir vorhat, beginnen meine Finger zu zittern. So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr, nicht einmal beim Vortanzen im Theater.

Ryan führt mich in einen der Tanzräume. Ich stelle meinen Rucksack ab und atme mehrmals tief durch. „Das war früher mein zweites Zuhause, wenn nicht sogar mein erstes“, sage ich und drehe mich im Kreis.

Ryan geht zu der Musikanlage in einer Ecke des Raumes und steckt einen Stick in den USB-Slot. „Perfekte Überleitung ... Lass uns genau da anfangen.“

„Versteh ich nicht“, gebe ich zu und ziehe mir die Sporthose etwas höher.

Er nimmt die Fernbedienung der Anlage, setzt sich im Schneidersitz auf den Boden und sieht mich durchdringend an. „Ich möchte, dass du mir noch einmal die Schwanenprinzessin zeigst.“

Ich runzele die Stirn. „Aber die hast du doch schon gesehen.“

Er legt sich den Zeigefinger auf die Lippen. „Schscht. Ich gebe dir Anweisungen, und du führst sie aus.“

Mann, was ist denn jetzt mit ihm los? Der Choreograph und seine Macken, oder wie?

„Hast du mich verstanden?“, hakt er nach, als ich nicht reagiere.

„Darf ich mich noch warm machen?“

„Natürlich“, seufzt er und klingt dabei ein wenig genervt.

Na, das kann ja heiter werden!

 

20 Minuten später schwebe ich mit geschlossenen Augen durch den Tanzsaal. Es fühlt sich an, als hätte mich etwas in die Vergangenheit zurück katapultiert. Miss Hoover sitzt in der Ecke und beobachtet mich beim Training. An ihrem Gesichtsausdruck lässt sich sofort erkennen, ob sie mit mir zufrieden

ist oder nicht. Diese Erinnerung fühlt sich so real an, dass der Vulkan in mir urplötzlich kurz vorm Ausbrechen steht. Eine kleine Träne kullert mir über die Wange. Ich vollziehe die letzte Drehung und sacke dann auf dem Parkettboden zusammen.

Die Musik verstummt. Für einige Momente herrscht absolute Stille im Raum. Stille, die ich genieße und brauche.

Als ich mich wieder beruhigte, hebe ich den Kopf und sehe zu Ryan.

Der lehnt mit dem Rücken an der Wand und nickt mir zu. „Das war gut.“

„Gut?“

„Ausbaufähig.“

Sicher könnte er mir auch Worte wie Mist, Dreck oder hoffnungslos um die Ohren werfen, und doch bin ich mit einem „Gut“ nicht zufrieden.

„Meinst du wirklich, dass ich beim klassischen Ballett keine Chancen mehr habe?“ Die Frage brennt mir unter den Nägeln, denn eben fühlte ich mich so wohl, dass ich mir das durchaus vorstellen könnte.

Ryan beißt sich auf die Unterlippe und zieht Luft ein, dann schüttelt er zaghaft den Kopf.

„Und warum nicht? Wenn du schon sagst, dass ich gut bin, dann ... und wenn ich hart trainiere?“, stammele ich unsicher.

„Dein Tanz war berührend, traurig, lebendig und ...“

„Siehst du“, unterbreche ich ihn und stehe auf.

„… und zu sexy“, beendet er seinen Satz.

Ich raufe mir die Haare. „Wieso muss ich mir ständig diesen Mist anhören?“

Ryan geht auf mich zu, bleibt in etwa zwei Meter Entfernung vor mir stehen und sieht mir tief in die Augen. „Wann bist du vom Weg abgekommen?“

Bitte, was? Der hat sie wohl nicht mehr alle! „Alles klar, das war‘s, das muss ich mir nicht gefallen lassen.“ Mit zornigem Gesichtsausdruck wende ich mich ab und laufe zu meinem Rucksack.


Express Man: Emanuele

Verlangen ...

 

„Alles Gute zum Geburtstag, meine Süße!“ Mias quietschige Stimme dringt durch die verschlossene Wohnungstür.

Als ich öffne, fällt sie mir kreischend um den Hals. „Geburtstagskind!“

„Ist ja schon gut“, murmele ich. „Du erwürgst mich gleich.“

Mia lässt von mir ab und grinst mich an. „Hast du den Schampus kalt gestellt?“

Ich rolle die Augen und nicke. Meine beste Freundin weiß, dass ich überhaupt keinen Wert auf diesen Tag lege, und trotzdem findet dieses Szenario Jahr um Jahr statt.

Mia ist seit Kindertagen meine beste Freundin. Wir zwei sind wie Feuer und Wasser, Kälte und Wärme und doch lieben wir uns auf eine ganz bestimmte Art und Weise.

Sie folgt mir in die Küche und öffnet noch vor mir den Kühlschrank. Ihre Augen leuchten auf. „Da ist sie ja.“ Sie nimmt die grüne Flasche an sich und geht damit ins Wohnzimmer.

Mia besteht darauf, an meinem Geburtstag Champagner zu trinken. Sie weiß, dass ich mir die Flasche kaum leisten kann, und doch erwartet sie es. Ich tue ihr den Gefallen.

Ich setze mich neben sie, beobachte sie beim routinierten Öffnen und sehe bereits die Euros in die billigen Sektgläser fließen. „Verschütte ja nichts, das Zeug ist schweineteuer“, fordere ich streng.

Sie schüttelt den Kopf und sieht mich an. „Du weißt, dass du nicht so hier leben musst.“

Mia ist aus reichem Haus. Ihrem Vater gehört ein riesiger Hotelkomplex in Mailand. Sie speiste schon als Kind von goldenen Tellern. Ich hingegen wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Uns ging es weder besonders schlecht noch besonders gut. Man lebte eben. Seit fünf Monaten studiere ich nun, halte mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und kann mir nicht mehr als diese Miniwohnung leisten. Mia sagte immer wieder, dass sie mir helfen will, doch ich lehnte jedes Mal dankend ab. Ich will nicht, dass sie mir ihr Geld in den Arsch bläst.

„Mir gefällt es hier, und deine Brühe hier konnte ich mir auch leisten ...“, knurre ich sie an.

Mia erhebt das Glas und sieht mich spitzbübisch an. Das macht sie immer, wenn sie irgendetwas ausheckt. Heute ist nicht schwer zu erraten, was in ihr vorgeht, denn an jedem meiner Wiegenfeste überrascht sie mich mit einem ganz besonderen Geschenk. Sie ist eine sehr aufmerksame Freundin und zaubert stets etwas aus der Tasche, was ich zu der Zeit wirklich gut gebrauchen kann.

Letztes Jahr bekam ich eine Couch. Zuerst wollte ich sie nicht annehmen, da es meiner Meinung nach ein viel zu teures Geschenk war, doch Mia sprach eine Woche lang kein Wort mehr mit mir, bis ich es annahm.

„An Geburtstagen ist alles erlaubt“, sagte sie damals. Ich gab mich geschlagen. Schließlich tat es ihr nicht weh. Geld interessiert sie von Haus aus nicht, und ich konnte diese Sitzmöglichkeit wirklich gut gebrauchen.

„Auf mein Älterwerden“, proste ich ihr zu und nehme einen Schluck von dem Blubberwasser.

Mia nippt an ihrem Glas und wackelt mit den Augenbraun. Was sie wohl für mich hat?

„Du weißt ja, du bekommst immer etwas von mir, das du gut gebrauchen kannst ...“ Sie öffnet ihre schwarze Gucci-Handtasche und holt einen weißen Umschlag heraus.

„Du schenkst mir aber kein Geld, das zählt nicht“, beschwere ich mich sofort.

Mia atmet hörbar aus und reicht  mir den Umschlag. „Das ist kein Geld, das ist um einiges besser.“ Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem merkwürdigen Lächeln, das ich bei ihr noch nie zuvor gesehen habe. „Nun mach schon auf“, fordert sie mich auf und rutscht hibbelig hin und her.

Der Umschlag ist nicht verklebt. Ich ziehe die Lasche heraus. Eine schwarze Karte kommt zum Vorschein.

Mia kann sich nicht mehr halten. „Nun mach schon.“ Warum verbreitet sie denn so eine Hektik? Ich beobachte meine Freundin, die immer wieder in Richtung der Wanduhr spitzt.

„Bist du im Stress?“

Sie reißt die Augen weit auf. „Ich nicht, aber du gleich, wenn du nicht endlich diese Karte aus dem Umschlag ziehst.“

Jetzt versteh ich nur noch Bahnhof. Also gut! Ich ziehe die glänzende Karte heraus und erblicke zwei Buchstaben, die aus schimmernden Diamanten bestehen. Ein großes E und ein großes M. Mia klatscht freudig in die Hände, während ich ratlos auf die Karte starre.

„Was ist das?“

 

„Das, meine Liebe, wird die Nacht deines Lebens.“ Mia leert ihr Glas und schenkt sich nach.


Der Cowboy, das Schicksal & Ich

Auf einem Schemel neben mir entdecke ich eine Bürste. „Soll ich dich ein wenig kämmen?“ Sie dreht sich auf die Seite, damit ich besser an ihre Mähne herankomme. Meine Güte, Pferde sind echt schlaue Wesen. Meine Gedanken verschwimmen, als ich mich ans Werk mache. Was passierte in Lukes Vergangenheit? Sind die Pferde womöglich sogar ein Teil dieser Geschichte und ist er auch deshalb so mega-vorsichtig, was ihren Umgang betrifft? Während meine Hände viele kleine, geflochtene Zöpfe in die schwarze Haarpracht zaubern, grübele ich weiter darüber nach.

Mit einem Mal durchbricht ein lautes Knarzen unsere Zweisamkeit. Scheiße! Die Stalltür. Blitzartig lasse ich von der Mähne ab und ducke mich. Mein Puls rast. Das Klackern von Lukes Cowboystiefeln, das ich mittlerweile nur zu gut kenne und das mir jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken jagt, durchdringt den Raum. Die Stute wendet sich von meiner Box ab und streckt ihren Kopf am Boxeneingang hinaus, sodass sie in den Mittelgang sehen kann. Wie gern hätte ich jetzt ihre Augen. Hoffentlich bleibt er nicht lange im Stall! Fest an die Holzwand gepresst, verharre ich kniend in meinem Versteck. Bestimmt will er nach der Stute sehen und wird mich gleich entdecken.

Ich schlage mir die Hände vors Gesicht. Frei nach dem Motto: Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich auch nicht, harre ich der Dinge, die da auf mich zukommen. Gott, ich kann mir bereits jetzt ausmalen, wie er mich gleich in Grund und Boden brüllt. Die Ader an meinem Hals pocht immer stärker. Es fühlt sich an, als liefen über meinen gesamten Körper Ameisen. Plötzlich aber höre ich eine mir unbekannte Frauenstimme. „Was wollen wir denn hier?“

Mal ganz davon abgesehen, dass ich mir die gleiche Frage stelle, würde ich nur zu gern wissen, wer das ist. Soll ich einen Blick riskieren? Besser nicht! Ich kann ja noch nicht einmal abschätzen, wo sie sich ungefähr befinden. Bei meinem Glück wäre ich bestimmt sofort in seinem Blickfeld.

„Das wirst du gleich sehen“, antwortet Luke ihr mit derber, verführerischer Stimme.

Es folgt ein leiseres Knarzen ... Ein Kichern der mir unbekannten Frau ... Ruhe!

Sind sie jetzt weg? Ganz vorsichtig richte ich mich auf und inspiziere meine Umgebung in immer noch geduckter Haltung. Ich folge den Blicken der Stute. Sie beobachtet die Box, die ihrer direkt gegenüberliegt. In ihr befinden sich einige aufgestapelte Heuballen. Ansonsten ist sie leer. Nein, halt, sie ist gar nicht leer. Auf der Stelle gefriert mir das Blut in den Adern. Bitte, lieber Gott, lass es nicht das sein, wonach es aussieht!


Express - Man ... Allesandro

 

Erwartung …

 

Aurora wartet bereits in einer schwarzen Limousine vor der Haustür auf mich. Sie lächelt mich spitzbübisch an, als ich zu ihr auf die Rückbank steige. „Dass du irgendwann doch noch in diesen Wagen steigst, um mit mir ins Abenteuer deines Lebens zu schlittern, hätte ich nicht mehr für möglich gehalten.“

„Nun komm, übertreib es nicht“, gebe ich leise zurück und spüre, wie es mir bereits jetzt die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sicher wird mein Kopf den ganzen Abend über knallrot wie eine reife Tomate sein!

Aurora schenkt zwei Gläser Champagner ein. „Hier, zum Warmwerden“, meint sie und reicht mir eines davon.

„Wenn ich jetzt noch Alkohol in mich hinein kippe, glühe ich noch mehr“, wehre ich ab.

„Ach, nun hab dich nicht so ... und es nimmt die Anspannung.“

„Wie läuft das denn nun gleich ab?“, will ich wissen.

„Nun ja ... ich habe mir auch eine nette Abendbegleitung ausgesucht. Beide Männer treffen sich gleich mit uns zum Essen, und dann werden wir sehen, was passiert.“ Sie zwinkert mir zu und leert ihr Glas mit einem Schluck. „Willst du wirklich nichts?“, versichert sie sich noch einmal.

Ich schüttele den Kopf.

„Dann eben nicht. Ich hab‘s nur gut gemeint.“

„Das heißt also, wir essen zusammen, suchen uns ein Plätzchen und dann geht‘s zur Sache? Oder wie soll ich das genau verstehen?“

Aurora seufzt theatralisch. „Meine Güte. Wie lange hattest du schon kein Date mehr? Es wird genau so ablaufen, wie du es willst. Allesandro und Massimo werden uns bei einem guten Essen Gesellschaft leisten, und danach kann jeder entscheiden, was er tun wird. Du kannst auch allein nach Hause fahren. Man muss nicht mit diesen Männern schlafen.“

„Tust du es denn immer?“

Sie legt den Kopf in den Nacken und sieht nachdenklich an den weißen Limousinenhimmel. „Ja, ich glaube schon ... warte ... ja, doch.“