(K)ein Plan in Sachen Liebe

Eins

 

 

 

"I

st dein Bräutigam startklar?“, erklingt Caspers raue Stimme durch das Headset in meinem Ohr.

Ich werfe einen Blick nach rechts und sondiere das zitternde Bündel neben mir. Der große, dunkelhaarige, breitschultrige Mann trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und um den Hals eine dunkellila Fliege. Sein Gesicht ist verzerrt, die Wangen beben, das rechte Augenlid zuckt. Ich lege die flache Hand auf seine Schulter und streiche beruhigend darüber. Er scheint mich nicht wahrzunehmen, sondern starrt ins Leere, wobei er mit der Fußspitze auf den Boden tippt.

„Was ist denn nun? Kann es losgehen?“, fragt mein Kollege ungeduldig.

„Wir sind nicht auf der Flucht, sondern bei einer Hochzeit, also warte, bis ich dir das Okay gebe“, ermahne ich ihn leise.

Für Casper muss alles stets nach genauem Zeitplan ablaufen. Er kann es nicht leiden, wenn sich etwas auch nur um wenige Minuten verschiebt. Generell ist das ja nicht schlecht, aber wir arbeiten mit Menschen, nicht mit Gegenständen. Er muss eindeutig geduldiger werden.

Mein Schützling neben mir atmet hörbar tief ein, wobei ihm kleine Schweißperlen über die Stirn rinnen. Er faltet die Hände vor der Körpermitte und setzt sich in Bewegung, allerdings in die falsche Richtung.

„Was ist denn da bei euch los?“, nervt Casper mich.

„Muffensausen“, flüstere ich.

„Wenn dein Bräutigam sich nicht langsam einkriegt, dann wird meiner auch noch nervös. Also erledige deinen Job und beruhige dieses Nervenbündel“, gibt er mir leicht schroff zu verstehen.

Ohne ihm zu antworten, drücke ich auf den kleinen, roten Knopf am Headset, schalte Casper damit stumm und folge meinem Schützling mit schnellen Schritten.

Als er merkt, dass ich ihn verfolge, bleibt er im Schatten eines Baums stehen und dreht sich zu mir um. Die Hände steckt er in die Taschen seiner Anzughose, legt den Kopf in den Nacken und sieht gen Himmel. „Die Blätter, wie sie seicht im Wind tanzen, ist das nicht schön?“ Er schließt die Lider und lächelt. Egal, was ihm gerade durchs Hirn schwirrt, es scheint etwas Gutes zu sein, weshalb ich beschließe, genau das aufzugreifen.

„An was denken Sie gerade?“

Er öffnet die Augen, die in einem hellen Grün leuchten, und deutet auf die Holzbank neben ihm. „Hier haben Eric und ich uns kennengelernt, genau unter diesem Baum. Wir saßen stundenlang nebeneinander auf dieser Bank und beobachteten die Blätter über uns. Es ist beruhigend, ihnen zuzusehen, finden Sie nicht?“

„Wollen wir uns setzen?“, biete ich ihm an.

Er nickt, lässt sich auf der Bank nieder, legt die Arme über die Lehne und sieht mich an. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als noch viele weitere Jahre mit ihm auf dieser Bank zu sitzen.“

Ich geselle mich zu ihm und habe nun eine Ahnung, was in ihm vorgeht. Er hat keine Angst vor seinem Ehemann, sondern vor etwas ganz anderem.

„Genau das sollten Sie ihm sagen, in genau diesen Worten“, ermutige ich ihn.

Er reißt die Augen weit auf, seine Stirn ist nun von Schweiß regelrecht getränkt. Ich hole ein weißes Stofftuch aus meiner Tasche und reiche es ihm. Er nimmt es an sich und tupft sich trocken.

„Woher wissen Sie, was mich zurückhält, zu ihm zu gehen?“, fragt er immer noch leicht irritiert.

Ich klopfe ihm auf den Oberschenkel und stehe auf. „Das ist mein Job.“

„Sie sind eine sehr empathische Frau, Honey. Eric hatte den richtigen Riecher mit Ihrer Agentur.“

„Vielen Dank“, nehme ich das Kompliment an und lächele erfreut.

„Meinen Sie, dieser eine Satz reicht?“, hadert er noch immer mit seinem Eheversprechen.

Ich nicke. „Man kann einen ganzen Roman vorlesen, der am Ende nichtssagend ist. Verstehen Sie, was ich Ihnen damit sagen will? Es ist nicht die Quantität, sondern die Qualität der Worte, und ich bin mir sicher, dass genau dieser eine Satz Erics Herz zum Schmelzen bringen wird.“

Während sich mein Schützling erneut die Stirn trocken tupft, schalte ich das Headset wieder ein. „Casper, wir sind dann soweit. Bringst du bitte Eric auf Position?“

„Wird ja auch langsam Zeit“, beschwert er sich. „Wir sind bereits zehn Minuten in Verzug und ... Ja, alles klar.“

„Alles wird gut“, beschwichtige ich Casper.

„Ist Eric bereit?“, vernehme ich die Stimme meines Bräutigams neben mir.

„Ja, ist er“, bestätige ich.

Er richtet sich auf und stolziert mit militärischen Schritten in Richtung Ladies-Pavillon im Central Park.

Es ist wohl einer der romantischsten Orte New Yorks, an dem schon viele Liebesszenen bekannter Filmklassiker gedreht wurden. Der abgelegene Ort direkt neben einem See, die der Antik nachempfundene Bauweise und die Schönheit des Festzeltes haben diesen Platz zu einer der gefragtesten Locations für Trauungen werden lassen.

„Wir erreichen euch in einer Minute“, benachrichtige ich Casper.

Mein Schützling bleibt stehen und positioniert sich auf einem kleinen Kiesweg, genau wie wir es probten, und holt noch einmal tief Luft. Er ist bereit. In exakt dieser Sekunde stimmt ein vierköpfiger Chor eine A-cappella-Version des Welthits Hallelujah an.

Der Bräutigam wirft mir einen letzten dankbaren Blick zu und setzt sich dann in Bewegung. Glücklicherweise nicht mehr so militärisch, sondern leichtfüßiger. Wie von der Melodie getragen schwebt er förmlich auf den Pavillon zu, der aus Gusseisen, Schiefer, Holz und Stein besteht.

In Erics Gesicht kann ich die Vorfreude erkennen. Er sieht überglücklich aus. Sein blondes, kurzes Haar trägt er leicht nach hinten gegelt. Im Gegensatz zu seinem Mann ist er um einiges schmächtiger. Sein weißer Anzug, das schwarze Hemd und die dunkellila Fliege stehen ihm ausgezeichnet.

Als mein Schützling die Bluestone-Stufen in Zeitlupe bezwingt und unter das graue Schieferdach zu seinem Bräutigam tritt, nimmt er ihn an die Hand und führt ihn vor den Trauredner.

Der Chor klingt wirklich wundervoll, die engelsgleichen Stimmen bescheren mir auf jedem Millimeter meines Körpers Gänsehaut. Ich schließe die Augen und summe die Melodie bis zum Ende leise mit.

„Wir haben uns heute hier versammelt, um ...“, beginnt der Trauredner seine Ansprache, und genau in diesem Moment gesellt sich Casper zu mir, legt einen Arm um meine Schultern und drückt mir einen Schmatzer auf die Wange.

„Sieht doch gut aus“, stellt er zufrieden fest.

„Haben wir prima hinbekommen“, stimme ich zu.

Als ich vor etwa einem Dreivierteljahr meiner kleinen Heimatstadt Live Oaks im Bundesstaat Texas den Rücken kehrte, wusste ich nur eins: Ich wollte Weddingplanerin werden, und zwar in New York. Meinen Eltern schmeckte meine Idee überhaupt nicht. Sie konnten nicht verstehen, warum ich die Familienranch für solch eine Luftikus-Idee verließ. Ich sollte Farmerin werden, das wurde mir schließlich in die Wiege gelegt. Honey, das Cowgirl. Doch bereits im zarten Alter von etwa drei Jahren brodelte der Wunsch in mir, Hochzeiten zu gestalten, und ließ sich nicht mehr verdrängen.

 

Ich verheiratete ab diesem Zeitpunkt alles, was mir in die Finger kam. Meine Puppen, meine Teddys, die Pferde und Rinder meines Vaters ... Spätestens als ich meine Mutter dazu zu bringen versuchte, sich eine Hütehunddame anzuschaffen, nur damit ich Benshy, unseren fünf Jahre alten Australian Shepard, mit ihr verheiraten konnte, hätte ihr klar sein müssen, dass der Traum sehr tief in mir verankert ist und ich sie deshalb irgendwann verlassen musste.


Innocent - Gefährliches Verlangen

Kapitel 1

 

Cole 

 

 

Dunkelheit.

Beängstigende Stille.

Verschwommene Sicht.

Nebelschwaden.

Eisige Kälte.

Ich halte mich an einem Baumstamm fest, dessen Rinde bereits abblättert. Das Holz ist klamm. Ich atme tief durch und höre in der Ferne plötzlich ihre Schreie. Sie ruft meinen Namen, bittet mich, ihr zu helfen. Ein finsterer Schleier legt sich vor meine Augen, lässt die Sicht noch mehr verschwimmen.

Mein Körper ist ausgelaugt, müde, jeder einzelne Muskel schmerzt. Ich will sie retten, auch wenn ich das, was ihr so Angst macht, nicht greifen kann. Doch sie ist so weit von mir entfernt. Zu weit. Als ihre Silhouette am Ende des Waldes erscheint und mich flehend zu sich winkt, sammele ich meine letzten Kräfte und renne ...

Aus jeder einzelnen Pore meiner Haut dringt Schweiß, der mir über die Schläfen und den Rücken rinnt. Ich schnelle im Bett hoch und schnappe nach Luft.

Ihre wimmernde Stimme hallt noch immer in meinen Ohren nach. Es ist fortwährend der gleiche Traum, der mich verfolgt und mich nicht mehr zur Ruhe kommen lässt, und das seit fast auf den Tag genau zwei Jahren.

Ich werfe einen Blick auf den Wecker, der auf dem nussbaumfarbenen Nachttisch neben mir steht. Die roten Zahlen blenden mich. Ich blinzele mehrmals, ehe ich erkennen kann, dass es drei Uhr nachts ist.

Schwerfällig drehe ich mich zur Seite und suche neben dem Bett nach einer Flasche Mineralwasser. Wann wird dieser Traum endlich aufhören? Werde ich jemals wieder ruhigen Schlaf finden, solange ich nicht weiß, was mit ihr geschah?

Ich leere die Glasflasche in einem Zug. Mein Organismus fährt langsam wieder auf Normaltemperatur. Vollkommen ermattet lasse ich mich in die Kissen sinken, schließe die Augen und hoffe, dass ich die letzten zwei Stunden, die mir noch bleiben, ohne Albtraum verbringen kann. In mir tobt Ungewissheit. Ich versuche, an nichts und niemanden zu denken, vor allem nicht an sie.

Mit offenem Mund sauge ich Luft in die Lungenflügel, kontrolliere damit meine holprige Atmung. Langsam leert sich mein Kopf, ich komme zur Ruhe und falle in einen Dämmerschlaf ...

 

Wildes Pochen an der Wohnungstür lässt mich aufschrecken. Ich werfe einen Blick auf den Wecker. Es ist vier Uhr morgens. Das Klopfen wird lauter, zudem ertönt das Geräusch der Klingel. Wer zum Teufel ist das? Wenn das wieder der Nachbar aus dem ersten Stock ist, um mich nach Zigaretten zu fragen, setzt es was. Der Kerl geht mir seit Wochen gehörig auf die Nerven. Ich greife nach der schwarzen Glock 19, die einsatzbereit neben mir liegt, und gehe zur Tür.

„Wer ist da?“, rufe ich, denn durch den Spion kann ich niemanden erkennen.

„Ich bin´s“, erklingt eine mir gut bekannte Stimme auf der anderen Seite. Morgan Lentin! Mein Vorgesetzter beim FBI. Was will der hier?

Ich schiebe die drei goldenen Sicherheitsriegel zur Seite und öffne ihm.

Der Brillenträger, der sein lichtes Haar stets nach hinten gegelt trägt, nickt mir mit ernstem Gesichtsausdruck zu. In der einen Hand hält er ein Stück Papier, die andere steckt leger in der Tasche seiner schwarzen Anzughose. Im Erdgeschoss vernehme ich Schritte, leises Zischen und mir gut bekannte Geräusche. Mein Gehirn schaltet sofort auf Alarmstufe rot.

„Was ist hier los?“, will ich wissen.

Morgan streckt die Hand aus. „Cole, gib mir die Waffe und lass uns rein gehen. Wir müssen reden“, teilt er mir in einem Ton mit, der mir auf der Stelle Adrenalin in die Blutbahn jagt.

Ich ziehe die Nase kraus. „Was ... wieso?“

Er bewegt den Kopf hin und her, sodass seine Wirbel knacksen. „Hör zu, gib sie mir und lass mich rein, oder willst du hier ein riesiges Aufsehen erwecken?“

Da ich nicht so richtig begreifen kann, was hier los ist, folge ich seiner Aufforderung und reiche ihm mein Baby.

„Alles klar!“, ruft er übertrieben laut. Er hat jemandem Entwarnung gegeben.

„Was ist hier los?“ Ich deute an ihm vorbei. „Wer ist da unten?“

„Lass uns reingehen“, übergeht er meine Fragen.

Ich will mich an ihm vorbeidrängen, um zu sehen, was da unten abgeht, doch er hält mich zurück und schiebt mich in die Wohnung. „Du solltest dir etwas anziehen.“

„Haben wir einen Spezialeinsatz, oder warum benimmst du dich so merkwürdig?“

Morgan nimmt auf dem ledernen Zweisitzer im Wohnzimmer Platz. „Geh dich anziehen, dann reden wir.“

Er wirkt angespannt, ja, man könnte fast meinen, er wäre nervös. Als er meine Pistole neben sich legt und an seinem Krawattenknoten zieht, lasse ich ihn allein zurück und gehe ins Schlafzimmer.

Während ich mir eine hellblaue Jeans und ein schwarzes Shirt überziehe, versuche ich, zu klarem Verstand zu kommen. Unten im Hauseingang steht definitiv ein Team. Den Geräuschen nach zu urteilen dürfte es aus mindestens vier Leuten bestehen. Dass Morgan mich mitten in der Nacht persönlich zu einem Einsatz abholt, kam in den ganzen sechs Jahren, die ich jetzt fürs FBI tätig bin, bisher nur zweimal vor. Es muss also etwas sehr Wichtiges sein. Doch warum nimmt er mir die Waffe ab?

Grübelnd setze ich mich ihm gegenüber auf einen Hocker, lege die Unterarme auf die Oberschenkel und sehe ihn fragend an. „Also, was gibt es?“

Er räuspert sich und richtet den Rücken gerade. „Wir haben Miriam gefunden.“

Es versetzt mir augenblicklich einen Stich. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf. „Was?“, schreie ich. „Wo ist sie?“

Morgan atmet hörbar aus. „Cole, setz dich wieder hin“, befiehlt er mir autoritär.

Das könnte dem so passen! „Nein! Ich will jetzt sofort wissen, wo sie ist.“

Er erhebt sich ebenfalls und baut sich vor mir auf. Zumindest versucht er es, denn er ist weder größer noch breiter als ich. „Ich will das Ganze hier in Ruhe hinter mich bringen. Also setz dich bitte wieder hin.“

Ich fahre mir mit der flachen Hand übers Gesicht und stecke dann beide Hände in die Hosentaschen meiner Jeans. „Willst du, dass ich aus der Haut fahre, oder warum benimmst du dich so? Du weißt, wie gering meine Frustrationstoleranz ist, wenn es um Miriam geht.“

Morgan knirscht mit den Zähnen. Ihm laufen kleine Schweißperlen über die hohe Stirn. Er hat Angst vor mir, das spüre ich. Nein, besser, ich kann es sogar riechen. „Okay, ich wollte es anders regeln, aber ...“ Den Rest des Satzes verschluckt er, geht zur Tür, öffnet sie und gibt einen Pfiff von sich.

 

Urplötzlich begreife ich, was hier los ist. Ich hechte zu meiner Waffe, die dieser Idiot auf dem Sofa liegen ließ, und richte sie auf ihn. In dem Moment stürmen vier Beamte meine Wohnung und richten ihrerseits ihre Pistolen auf mich.


Rock Pray Love - Mitten ins Herz

Eins

 

„Virginia, bist du hier?“, vernehme ich die helle, hallende Stimme meiner kleinen Schwester. „War mir ja so was von klar, dass du hier rumkriechst“, merkt sie leicht zynisch an und stolziert mit einem breiten Grinsen auf mich zu.

„Und wieso drückst du dich vor der Arbeit?“, will ich von ihr wissen.

Sie bleibt vor den drei Stufen stehen, die zum Altar führen, und zuckt die Schultern. „Du bist doch jetzt wieder da.“

Seit zwei Semestern studiere ich am College von Idaho Philosophie und Religionswissenschaften, da ich irgendwann einmal in die Fußstapfen meines Vaters treten möchte. Er ist der Pastor der evangelischen Kirchengemeinde in Preston, einem kleinen, schnuckeligen, verschlafenen Städtchen, in dem ich aufwuchs und bis vor Kurzem mit meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester Zoey lebte.

Der Umzug ans College fiel mir nicht leicht, doch die Entfernung ließ es nicht anders zu. Seit gestern bin ich wieder zu Hause und genieße meine Semesterferien. Gott, wie habe ich das alles hier vermisst!

Morgen ist Sonntag, und es war schon immer unsere Aufgabe, den Altar zu schmücken sowie die Gesangsbücher und die Bibeln auf den Sitzbänken zu verteilen.

Meiner Schwester machte das Ganze noch nie auch nur halb so viel Spaß wie mir. Sie ist im Allgemeinen ein komplett anderer Typ als ich und hat mit ihren 15 Jahren so viele Flausen im Kopf wie ich noch nie in meinem ganzen Leben. Doch als ich auf den Campus zog, versprach sie mir, unserem Vater mehr unter die Arme zu greifen.

„Hast du dich an unsere Abmachung gehalten oder musste Dad alles alleine machen?“, frage ich und musterte sie scharf.

„Natürlich“, kreischt sie entrüstet.

Ich streiche die weiße Decke glatt, die über dem Gottestisch hängt, und schiebe die Kerzen in die richtige Position. „Dann ist ja gut.“

Zoey stellt sich neben mich und beäugt mich mit ihren rehbraunen Augen. „Kommst du nachher mit zu Ashley?“

„Du gehst zu Ashley? Seit wann das denn?“ Jetzt bin ich aber wirklich überrascht!

Ashley leitet seit etwa drei Jahren das sogenannte Jesus House. Junge Christen treffen sich Samstagabend bei ihr zu Hause und verbringen einen lockeren Abend zusammen. Früher gab es keinen Abend ohne mich, doch meine Schwester weigerte sich stets strikt, mich zu begleiten.

Sie verzieht ihren kleinen, schmalen Mund. „Keine Ahnung, ich war schon einige Male dort.“

Ist sie vielleicht doch gar nicht mehr so pubertär und wild wie ich dachte? Als ich gestern Nacht hier ankam, schlief sie bereits, und als ich heute Morgen aufstand, war gerade noch so viel Zeit, um sich zu begrüßen, ehe sie das Haus verließ.

„Dir gefällt es also bei Ashley?“, hake ich neugierig nach.

Zoey bläst die Wangen auf und nickt verhalten. Bereits bei dieser Reaktion wird mir klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt.

„Also, was ist nun?“, fragt sie und hibbelt nervös von einem aufs andere Bein.

„Hast du dort etwa einen Freund?“

Sie reißt die Augen weit auf. „Was? Spinnst du?“

„Du verhältst dich merkwürdig“, kommentiere ich ihre Reaktion leise.

Zoey schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung, was dir auf dem College nicht guttut ...“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und zieht die angemalten Augenbrauen nach oben. „Kommst du nun mit oder nicht?“

„Natürlich komme ich mit.“

Sie wendet sich von mir ab und rennt in Richtung Ausgang. „Dann sieh zu, dass du hier fertig wirst.“

Ich erledige noch die letzten Handgriffe und mache mich dann auf den Heimweg.

Unser Elternhaus liegt nur wenige Gehminuten von der Kirche entfernt. Ich atme die laue sommerliche Abendluft tief in die Lungen und schlendere über den Gehsteig. Als ich in die Zielstraße einbiege, entdecke ich Jutta, die - in ein Buch vertieft - in einem Schaukelstuhl auf ihrer Veranda sitzt. Sie und ihr Mann Heinz-Jörg wanderten vor über zwanzig Jahren von Deutschland nach Preston aus. Sie sind gute Freunde meiner Eltern und wohnen uns direkt gegenüber. Jutta ist wie eine zweite Mutter für mich. Dass ich sie heute noch nicht besuchte, nimmt sie mir hoffentlich nicht übel. Doch mich an ihr vorbei zu schleichen, ist nicht meine Art.

„Hallo Jutta“, rufe ich ihr deshalb von der anderen Straßenseite aus laut zu.

Sie hebt den Kopf, entdeckt mich, und sofort legt sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Virginia, Schätzchen. Du bist ja wieder da“, freut sie sich.

Ich bleibe stehen und winke ihr zu. „Schon seit gestern Nacht. Entschuldige, dass ich heute noch nicht bei euch war. Ich komme morgen vorbei. Mum und Dad warten sicher schon mit dem Essen, und gleich gehe ich noch mit Zoey zu Ashley.“

„Immer noch die Alte“, lacht sie.

„Du aber auch. Was liest du denn da?“ Jutta ist eine absolute Leseratte und verschlingt Bücher so schnell wie andere ihr Mittagessen.

Sie winkt ab. „Nichts für dich. Nur eine Liebesschnulze.“

Pah! Nichts für mich. Sie immer mit ihren zweideutigen Anspielungen. Liebesromane sind zwar wirklich nicht meine Lieblingslektüre, aber ich habe sogar schon mal einen gelesen. Oder waren es sogar zwei? Und dass Liebe mich nicht interessiert, stimmt so auch wieder nicht. Natürlich habe ich vor, später einmal zu heiraten und eine Familie zu gründen, doch im Moment liegt mir dieser Gedanke noch komplett fern. Erstens fühle ich mich noch zu jung dafür, zweitens will ich mein Studium in Ruhe und ohne Ablenkung absolvieren und drittens liebe ich ja auch schon jemanden ... Gott! Ich weiß also, wie sich so etwas anfühlt.

„Alles klar“, gebe ich knapp zurück und werfe ihr eine Kusshand zu. „Bis morgen.“

Jutta winkt mir zu und vertieft sich sofort wieder in ihr Buch.

 

„Da bist du ja endlich. Wir warten schon“, ruft meine Mutter mich herbei, als ich das Haus betrete.

„Bin gleich da, nur noch schnell Hände waschen“, teile ich ihr mit und sehe zu, dass ich so schnell wie möglich den Tisch erreiche, denn wenn meine Mum eins hasst, dann ist es kaltes Essen.

Schnurstracks setze ich mich an meinen mir zugedachten Platz und falte die Hände, während mein Vater mir einen Teller voll mit Gemüseauflauf vor die Nase schiebt.

„Willst du das Tischgebet sprechen?“, fragt er mich.

„Sehr gern“, antworte ich und warte, bis sich auch endlich meine Schwester dazu bequemt, ihre Hände zu falten.

„Segne, Vater, diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise. Wir bitten, Herr, sei unserm Haus ein steter Gast, tagein, tagaus, und hilf, dass wir der Gaben wert, die deine Güte uns beschert. Amen.“

„Guten Appetit, lasst es euch schmecken“, erteilt meine Mutter uns das Kommando.

Zoey, die rechts neben mir sitzt, stochert mit der Gabel in ihrem Auflauf herum. Sie hasst Gemüse und gehört eher zur Fast Food-Fraktion. Blöd nur, dass es das bei uns nicht gibt.

Als sie noch kleiner war, baute sie in unserem Vorgarten einen Limonaden-Stand auf, nur um sich dann von dem Geld, das sie damit einnahm, einen fettigen Burger im einzigen Diner zu kaufen, das wir in Preston haben. Ja, meine kleine Schwester war schon immer erfinderisch, das muss man ihr lassen. Ihr Gesichtsausdruck, als sie damals nach Hause kam und unseren Eltern erklären musste, warum sie keinen Hunger mehr hatte, war einfach nur zum Schießen. Immer wenn sie etwas verbockt, setzt sie ihren Welpenblick auf und sieht unsere Eltern damit an, die auf der Stelle dahin schmelzen und ihr nicht mehr böse sein können.

Glücklicherweise muss ich so etwas nicht können, ich stelle ja nichts an. Wenn ich intensiver darüber nachdenke, bin ich das personifizierte gute Kind. Meine Eltern hatten niemals Ärger mit mir, konnten sich immer auf mich verlassen, und ich machte ihnen durchweg Freude.

Mit Zoey haben sie es da schon um einiges schwerer, doch ihre Liebe zu uns ist unerschütterlich. Sie sind wunderbare Eltern und die geradlinigsten Menschen, die mir jemals über den Weg liefen.

„Virginia und ich gehen heute noch zu Ashley“, murmelt meine kleine Schwester plötzlich kaum hörbar neben mir.

Mein Vater legt seine Gabel beiseite, stützt die Ellenbogen auf den Tisch, faltet die Hände und lächelt mich an. „Du hast sie also dazu gebracht, mit dir mitzugehen. Wie hast du das nur geschafft?“

 

Im ersten Moment bin ich so perplex, dass ich ihn nur mit offenem Mund anstarre. Als ich dann auch noch den neugierigen Blick meiner Mutter auf mir spüre, bildet sich Schweiß auf meiner Stirn. Sie hat also gelogen. Zoey war noch nie dort. Was soll das alles?


Express Man: Marcello

Verlangen ...

 

Mit den Unterarmen auf dem weißen Zeichentisch abgestützt beuge ich mich über die neuesten Entwürfe meines Chefdesigners. Grübelnd sehe ich sie mir an und frage mich, was er mir damit sagen will.

Vor einem Jahr übernahm ich die Modelinie meiner Mutter, da ihr urplötzlich einfiel, sich auf einem anderen Wege selbst verwirklichen zu wollen. Das Geschäft läuft gut, und doch waren meine Ambitionen ursprünglich gänzlich anderer Natur. Ich hatte vor, zu reisen, die Welt zu entdecken und mich frei zu fühlen, ehe ich in ihre Fußstapfen trete. Doch daraus wurde nichts, und manchmal bin ich deshalb wirklich sauer auf sie. Nichtsdestotrotz gebe ich hier mein Bestes, um ihre einst mühsam aufgebaute Existenz, mit der sie die gesamte Familie ernährte, nicht gegen die Wand zu fahren. Deshalb regen mich solche dahin geklatschten Zeichnungen wirklich auf.

„Luca, kannst du bitte mal kommen?“, rufe ich nach dem Urheber.

Es kommt jedoch keine Antwort. Alles, was ich höre, ist - Stille. Es ist bereits kurz nach Sonnenuntergang. Ob er auch schon wie all die anderen gegangen ist? Ich gebe einen leisen Seufzer von mir und beschließe, den Anschiss auf morgen zu verschieben, als jemand mich urplötzlich von hinten anrempelt und gegen den Tisch presst, mir gleichzeitig unter den schwarzen, knielangen Rock fährt und seine Finger in meine Oberschenkel krallt.

Für einen kurzen Augenblick genieße ich die Berührungen. Er küsst meinen Nacken. Sein warmer Atem kribbelt auf meiner Haut. Seine Hände wandern zwischen meine Schenkel und versuchen, sie auseinander zu drücken.

„Spreiz die Beine“, stöhnt er mir leise ins Ohr.

In diesem Moment komme ich wieder zu mir und stoße ihn von mir weg. Ich richte meine Kleidung, drehe mich zu ihm um und sehe ihn streng an. „Kannst du mir mal sagen, was dich bei diesen Entwürfen geritten hat?“

Er atmet schwerfällig aus. Seine grünen Augen leuchten. Auf seinen Lippen liegt ein amüsiertes Lächeln. „Du, würde ich mal sagen.“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und schüttele den Kopf. „Wann wirst du endlich begreifen, dass unsere kleinen Schäferstündchen zu Ende sind?“

Er rümpft die Nase. „Schäferstündchen, wie sich das anhört. So altmodisch.“

Ich wählte dieses Wort mit Absicht, um ihm ein weiteres Mal begreiflich zu machen, dass der Altersunterschied zwischen uns zu groß ist. Luca und mich trennen zehn Jahre. Anfangs genoss ich es, von einem viel jüngeren Kerl begehrt zu werden, doch schnell musste ich feststellen, dass mir die Erfahrung, die reifere Männer mit sich bringen, doch sehr fehlte. Nicht, dass er schlecht war, nur den letzten Kick konnte er mir nicht verschaffen, und wenn ich etwas hasse, dann ist es Langweile.

Als ich damals eine Affäre mit ihm begann, arbeitete er noch für meine Mutter. Daher hatte ich damit kein Problem und es war immerhin besser, als überhaupt keinen Sex zu haben. Doch jetzt bin ich seine Chefin, und deshalb beendete ich diese Liaison vor einem halben Jahr. Leider will der kleine Luca das noch immer nicht richtig begreifen und langsam, aber sicher gehen mir seine dummen Anmachen tierisch auf die Nerven.

„Können wir jetzt bitte zur Arbeit zurückkehren?“ Ich drehe mich von ihm weg und tippe auf die Zeichnungen vor mir.

Er stellt sich neben mich und sieht auf seine Armbanduhr. „Das sollten wir morgen machen.“

„Nein, das tun wir jetzt, und zwar sofort!“ Ein weiteres Mal ärgere ich mich, dass ich ihn so nahe an mich heranließ, denn er verlor eindeutig sämtlichen Respekt vor mir.

„Willst du deine Mutter etwa warten lassen?“, fragt er und grinst dabei schief.

„Was? Wieso?“

„Vernissage“, antwortet er knapp.

Verdammter Mist! Meine Mutter eröffnet heute ihre Kunstausstellung. Wie konnte ich das nur vergessen?

„Und das Motto lautet grün. Ich sehe an dir aber nichts Grünes“, fügt er noch hinzu.

„Vielleicht trage ich ja grüne Unterwäsche.“

„Tust du nicht. Können wir dann gehen? Sie mag es nicht, wenn wir unpünktlich sind.“

Wie kommt er nur auf den hohlen Schwachsinn, ich würde gemeinsam mit ihm dorthin fahren? „Luca ich habe bereits eine Verabredung. Die holt mich in wenigen Minuten ab“, lüge ich.

Seine Augen weiten sich. „Ach ja? Das glaube ich dir nicht.“

In mir brodelt Wut auf. Ich runzele die Stirn und hoffe auf einen Blitzeinfall. Urplötzlich schießt mir die Express-Men Agentur durch den Kopf. Natürlich, warum kam ich nicht früher darauf? Die Dienste dieser Agentur nahm ich schon des Öfteren in Anspruch. Alle Männer, die ich bisher kennenlernte, sind adrett, können sich benehmen und wissen, was eine Frau will.

Meistens begleitete Allesandro mich zu wichtigen Geschäftsessen, Terminen oder Abendveranstaltungen wie Theaterbesuchen oder auch Familienessen. Meine Eltern fragten mich nicht, wer das war. Erstens bin ich alt genug, um zu wissen, was ich tue, und zweitens war ihnen nur wichtig, dass meine Begleitung die Etikette beherrscht, und das tut er.

Ich greife nach meinem Handy, das neben den Entwürfen auf dem Tisch liegt, und wähle die Nummer der Agentur.

Nach zweimaligem Läuten erklingt Luisas Stimme. „Express-Men Agentur, was kann ich für Sie tun?“

„Luisa, hallo, ich bin‘s, Aurelia Rossini. Ich habe heute Abend einen wichtigen Termin und total vergessen, Allesandro dafür zu buchen. Bitte sag mir, dass er noch frei ist.“

Luca steht mit offenem Mund vor mir und sieht mich erschrocken an.

„Hallo Aurelia, leider ist das etwas sehr kurzfristig. Allesandro hat bereits einen anderen Auftrag.“

Die Worte ‚verdammte Scheiße‘ schlucke ich schnell hinunter.

„Kannst du mir dann einen anderen Mann anbieten? Einen mit guter Etikette?“

Luisa, die Chefin der Agentur, räuspert sich. „Alle unsere Männer haben gute Manieren.“

„Natürlich, entschuldige. Ich ... bin nur sehr im Stress.“

„Moment, ich sehe nach.“

Einige Sekunden herrscht Stille am anderen Ende. Ich sehe auf die Wanduhr, die mir direkt gegenüber hängt, und stelle fest, dass Luca wieder einmal übertrieben hat. Die Vernissage beginnt erst in einer Stunde. Puh!

„Marcello wäre noch frei“, meldet Luisa sich schließlich zurück.


Burlesque Princess

Mein Herzschlag erhöht sich. Jetzt wird es also ernst. Da ich noch nicht einmal weiß, was er nun mit mir vorhat, beginnen meine Finger zu zittern. So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr, nicht einmal beim Vortanzen im Theater.

Ryan führt mich in einen der Tanzräume. Ich stelle meinen Rucksack ab und atme mehrmals tief durch. „Das war früher mein zweites Zuhause, wenn nicht sogar mein erstes“, sage ich und drehe mich im Kreis.

Ryan geht zu der Musikanlage in einer Ecke des Raumes und steckt einen Stick in den USB-Slot. „Perfekte Überleitung ... Lass uns genau da anfangen.“

„Versteh ich nicht“, gebe ich zu und ziehe mir die Sporthose etwas höher.

Er nimmt die Fernbedienung der Anlage, setzt sich im Schneidersitz auf den Boden und sieht mich durchdringend an. „Ich möchte, dass du mir noch einmal die Schwanenprinzessin zeigst.“

Ich runzele die Stirn. „Aber die hast du doch schon gesehen.“

Er legt sich den Zeigefinger auf die Lippen. „Schscht. Ich gebe dir Anweisungen, und du führst sie aus.“

Mann, was ist denn jetzt mit ihm los? Der Choreograph und seine Macken, oder wie?

„Hast du mich verstanden?“, hakt er nach, als ich nicht reagiere.

„Darf ich mich noch warm machen?“

„Natürlich“, seufzt er und klingt dabei ein wenig genervt.

Na, das kann ja heiter werden!

 

20 Minuten später schwebe ich mit geschlossenen Augen durch den Tanzsaal. Es fühlt sich an, als hätte mich etwas in die Vergangenheit zurück katapultiert. Miss Hoover sitzt in der Ecke und beobachtet mich beim Training. An ihrem Gesichtsausdruck lässt sich sofort erkennen, ob sie mit mir zufrieden

ist oder nicht. Diese Erinnerung fühlt sich so real an, dass der Vulkan in mir urplötzlich kurz vorm Ausbrechen steht. Eine kleine Träne kullert mir über die Wange. Ich vollziehe die letzte Drehung und sacke dann auf dem Parkettboden zusammen.

Die Musik verstummt. Für einige Momente herrscht absolute Stille im Raum. Stille, die ich genieße und brauche.

Als ich mich wieder beruhigte, hebe ich den Kopf und sehe zu Ryan.

Der lehnt mit dem Rücken an der Wand und nickt mir zu. „Das war gut.“

„Gut?“

„Ausbaufähig.“

Sicher könnte er mir auch Worte wie Mist, Dreck oder hoffnungslos um die Ohren werfen, und doch bin ich mit einem „Gut“ nicht zufrieden.

„Meinst du wirklich, dass ich beim klassischen Ballett keine Chancen mehr habe?“ Die Frage brennt mir unter den Nägeln, denn eben fühlte ich mich so wohl, dass ich mir das durchaus vorstellen könnte.

Ryan beißt sich auf die Unterlippe und zieht Luft ein, dann schüttelt er zaghaft den Kopf.

„Und warum nicht? Wenn du schon sagst, dass ich gut bin, dann ... und wenn ich hart trainiere?“, stammele ich unsicher.

„Dein Tanz war berührend, traurig, lebendig und ...“

„Siehst du“, unterbreche ich ihn und stehe auf.

„… und zu sexy“, beendet er seinen Satz.

Ich raufe mir die Haare. „Wieso muss ich mir ständig diesen Mist anhören?“

Ryan geht auf mich zu, bleibt in etwa zwei Meter Entfernung vor mir stehen und sieht mir tief in die Augen. „Wann bist du vom Weg abgekommen?“

Bitte, was? Der hat sie wohl nicht mehr alle! „Alles klar, das war‘s, das muss ich mir nicht gefallen lassen.“ Mit zornigem Gesichtsausdruck wende ich mich ab und laufe zu meinem Rucksack.


Express Man: Emanuele

Verlangen ...

 

„Alles Gute zum Geburtstag, meine Süße!“ Mias quietschige Stimme dringt durch die verschlossene Wohnungstür.

Als ich öffne, fällt sie mir kreischend um den Hals. „Geburtstagskind!“

„Ist ja schon gut“, murmele ich. „Du erwürgst mich gleich.“

Mia lässt von mir ab und grinst mich an. „Hast du den Schampus kalt gestellt?“

Ich rolle die Augen und nicke. Meine beste Freundin weiß, dass ich überhaupt keinen Wert auf diesen Tag lege, und trotzdem findet dieses Szenario Jahr um Jahr statt.

Mia ist seit Kindertagen meine beste Freundin. Wir zwei sind wie Feuer und Wasser, Kälte und Wärme und doch lieben wir uns auf eine ganz bestimmte Art und Weise.

Sie folgt mir in die Küche und öffnet noch vor mir den Kühlschrank. Ihre Augen leuchten auf. „Da ist sie ja.“ Sie nimmt die grüne Flasche an sich und geht damit ins Wohnzimmer.

Mia besteht darauf, an meinem Geburtstag Champagner zu trinken. Sie weiß, dass ich mir die Flasche kaum leisten kann, und doch erwartet sie es. Ich tue ihr den Gefallen.

Ich setze mich neben sie, beobachte sie beim routinierten Öffnen und sehe bereits die Euros in die billigen Sektgläser fließen. „Verschütte ja nichts, das Zeug ist schweineteuer“, fordere ich streng.

Sie schüttelt den Kopf und sieht mich an. „Du weißt, dass du nicht so hier leben musst.“

Mia ist aus reichem Haus. Ihrem Vater gehört ein riesiger Hotelkomplex in Mailand. Sie speiste schon als Kind von goldenen Tellern. Ich hingegen wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Uns ging es weder besonders schlecht noch besonders gut. Man lebte eben. Seit fünf Monaten studiere ich nun, halte mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und kann mir nicht mehr als diese Miniwohnung leisten. Mia sagte immer wieder, dass sie mir helfen will, doch ich lehnte jedes Mal dankend ab. Ich will nicht, dass sie mir ihr Geld in den Arsch bläst.

„Mir gefällt es hier, und deine Brühe hier konnte ich mir auch leisten ...“, knurre ich sie an.

Mia erhebt das Glas und sieht mich spitzbübisch an. Das macht sie immer, wenn sie irgendetwas ausheckt. Heute ist nicht schwer zu erraten, was in ihr vorgeht, denn an jedem meiner Wiegenfeste überrascht sie mich mit einem ganz besonderen Geschenk. Sie ist eine sehr aufmerksame Freundin und zaubert stets etwas aus der Tasche, was ich zu der Zeit wirklich gut gebrauchen kann.

Letztes Jahr bekam ich eine Couch. Zuerst wollte ich sie nicht annehmen, da es meiner Meinung nach ein viel zu teures Geschenk war, doch Mia sprach eine Woche lang kein Wort mehr mit mir, bis ich es annahm.

„An Geburtstagen ist alles erlaubt“, sagte sie damals. Ich gab mich geschlagen. Schließlich tat es ihr nicht weh. Geld interessiert sie von Haus aus nicht, und ich konnte diese Sitzmöglichkeit wirklich gut gebrauchen.

„Auf mein Älterwerden“, proste ich ihr zu und nehme einen Schluck von dem Blubberwasser.

Mia nippt an ihrem Glas und wackelt mit den Augenbraun. Was sie wohl für mich hat?

„Du weißt ja, du bekommst immer etwas von mir, das du gut gebrauchen kannst ...“ Sie öffnet ihre schwarze Gucci-Handtasche und holt einen weißen Umschlag heraus.

„Du schenkst mir aber kein Geld, das zählt nicht“, beschwere ich mich sofort.

Mia atmet hörbar aus und reicht  mir den Umschlag. „Das ist kein Geld, das ist um einiges besser.“ Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem merkwürdigen Lächeln, das ich bei ihr noch nie zuvor gesehen habe. „Nun mach schon auf“, fordert sie mich auf und rutscht hibbelig hin und her.

Der Umschlag ist nicht verklebt. Ich ziehe die Lasche heraus. Eine schwarze Karte kommt zum Vorschein.

Mia kann sich nicht mehr halten. „Nun mach schon.“ Warum verbreitet sie denn so eine Hektik? Ich beobachte meine Freundin, die immer wieder in Richtung der Wanduhr spitzt.

„Bist du im Stress?“

Sie reißt die Augen weit auf. „Ich nicht, aber du gleich, wenn du nicht endlich diese Karte aus dem Umschlag ziehst.“

Jetzt versteh ich nur noch Bahnhof. Also gut! Ich ziehe die glänzende Karte heraus und erblicke zwei Buchstaben, die aus schimmernden Diamanten bestehen. Ein großes E und ein großes M. Mia klatscht freudig in die Hände, während ich ratlos auf die Karte starre.

„Was ist das?“

 

„Das, meine Liebe, wird die Nacht deines Lebens.“ Mia leert ihr Glas und schenkt sich nach.


Der Cowboy, das Schicksal & Ich

Auf einem Schemel neben mir entdecke ich eine Bürste. „Soll ich dich ein wenig kämmen?“ Sie dreht sich auf die Seite, damit ich besser an ihre Mähne herankomme. Meine Güte, Pferde sind echt schlaue Wesen. Meine Gedanken verschwimmen, als ich mich ans Werk mache. Was passierte in Lukes Vergangenheit? Sind die Pferde womöglich sogar ein Teil dieser Geschichte und ist er auch deshalb so mega-vorsichtig, was ihren Umgang betrifft? Während meine Hände viele kleine, geflochtene Zöpfe in die schwarze Haarpracht zaubern, grübele ich weiter darüber nach.

Mit einem Mal durchbricht ein lautes Knarzen unsere Zweisamkeit. Scheiße! Die Stalltür. Blitzartig lasse ich von der Mähne ab und ducke mich. Mein Puls rast. Das Klackern von Lukes Cowboystiefeln, das ich mittlerweile nur zu gut kenne und das mir jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken jagt, durchdringt den Raum. Die Stute wendet sich von meiner Box ab und streckt ihren Kopf am Boxeneingang hinaus, sodass sie in den Mittelgang sehen kann. Wie gern hätte ich jetzt ihre Augen. Hoffentlich bleibt er nicht lange im Stall! Fest an die Holzwand gepresst, verharre ich kniend in meinem Versteck. Bestimmt will er nach der Stute sehen und wird mich gleich entdecken.

Ich schlage mir die Hände vors Gesicht. Frei nach dem Motto: Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich auch nicht, harre ich der Dinge, die da auf mich zukommen. Gott, ich kann mir bereits jetzt ausmalen, wie er mich gleich in Grund und Boden brüllt. Die Ader an meinem Hals pocht immer stärker. Es fühlt sich an, als liefen über meinen gesamten Körper Ameisen. Plötzlich aber höre ich eine mir unbekannte Frauenstimme. „Was wollen wir denn hier?“

Mal ganz davon abgesehen, dass ich mir die gleiche Frage stelle, würde ich nur zu gern wissen, wer das ist. Soll ich einen Blick riskieren? Besser nicht! Ich kann ja noch nicht einmal abschätzen, wo sie sich ungefähr befinden. Bei meinem Glück wäre ich bestimmt sofort in seinem Blickfeld.

„Das wirst du gleich sehen“, antwortet Luke ihr mit derber, verführerischer Stimme.

Es folgt ein leiseres Knarzen ... Ein Kichern der mir unbekannten Frau ... Ruhe!

Sind sie jetzt weg? Ganz vorsichtig richte ich mich auf und inspiziere meine Umgebung in immer noch geduckter Haltung. Ich folge den Blicken der Stute. Sie beobachtet die Box, die ihrer direkt gegenüberliegt. In ihr befinden sich einige aufgestapelte Heuballen. Ansonsten ist sie leer. Nein, halt, sie ist gar nicht leer. Auf der Stelle gefriert mir das Blut in den Adern. Bitte, lieber Gott, lass es nicht das sein, wonach es aussieht!


Express - Man ... Allesandro

 

Erwartung …

 

Aurora wartet bereits in einer schwarzen Limousine vor der Haustür auf mich. Sie lächelt mich spitzbübisch an, als ich zu ihr auf die Rückbank steige. „Dass du irgendwann doch noch in diesen Wagen steigst, um mit mir ins Abenteuer deines Lebens zu schlittern, hätte ich nicht mehr für möglich gehalten.“

„Nun komm, übertreib es nicht“, gebe ich leise zurück und spüre, wie es mir bereits jetzt die Schamesröte ins Gesicht treibt. Sicher wird mein Kopf den ganzen Abend über knallrot wie eine reife Tomate sein!

Aurora schenkt zwei Gläser Champagner ein. „Hier, zum Warmwerden“, meint sie und reicht mir eines davon.

„Wenn ich jetzt noch Alkohol in mich hinein kippe, glühe ich noch mehr“, wehre ich ab.

„Ach, nun hab dich nicht so ... und es nimmt die Anspannung.“

„Wie läuft das denn nun gleich ab?“, will ich wissen.

„Nun ja ... ich habe mir auch eine nette Abendbegleitung ausgesucht. Beide Männer treffen sich gleich mit uns zum Essen, und dann werden wir sehen, was passiert.“ Sie zwinkert mir zu und leert ihr Glas mit einem Schluck. „Willst du wirklich nichts?“, versichert sie sich noch einmal.

Ich schüttele den Kopf.

„Dann eben nicht. Ich hab‘s nur gut gemeint.“

„Das heißt also, wir essen zusammen, suchen uns ein Plätzchen und dann geht‘s zur Sache? Oder wie soll ich das genau verstehen?“

Aurora seufzt theatralisch. „Meine Güte. Wie lange hattest du schon kein Date mehr? Es wird genau so ablaufen, wie du es willst. Allesandro und Massimo werden uns bei einem guten Essen Gesellschaft leisten, und danach kann jeder entscheiden, was er tun wird. Du kannst auch allein nach Hause fahren. Man muss nicht mit diesen Männern schlafen.“

„Tust du es denn immer?“

Sie legt den Kopf in den Nacken und sieht nachdenklich an den weißen Limousinenhimmel. „Ja, ich glaube schon ... warte ... ja, doch.“