Everlasting Dreams - Hoffnung

„Du hast dir gerade heiße Flüssigkeit über die Füße gekippt, da werd ich dir wohl helfen dürfen.“

 

Nein! Er hat nichts kapiert. Überhaupt nichts! Es lag weder daran, dass ich keine Kaffeetasse füllen könnte - ich bekoche mich sogar selbst -, noch nicht mal an meinem vermutlich immer noch bestehenden Restalkohol, es lag ausschließlich an ihm. Seine Gegenwart macht mich nervös.

 

„Es ist wohl wirklich besser, wenn du ein anderes Mal wiederkommst.“

 

Ethan bewegt sich von mir weg. Ich höre Amy durch den Raum tapsen.

 

Die Holztür öffnet sich. „Du hast recht, Emma“, sagt er und verlässt das Haus. Ein weiteres Déjà-vu überkommt mich. Genau das waren seine letzten Worte, als er mich damals verließ.

 

Mir wird schwindelig. Meine Hündin eilt herbei und geleitet mich zum Sofa.

 

Auf dem Rücken liegend sortiere ich meine Gedanken neu. Ethan gab mir recht und ging. Nur weswegen? Weil ich seine Hilfe verweigerte? Warum ist alles nur so verschwommen, was die vergangenen Zeiten angeht? Ist es eine Art Verdrängungstaktik meines Körpers, um mich zu schützen, oder verdrehe ich wirklich die Tatsachen? Ich weiß nur eines: Es war mit Sicherheit niemals meine Absicht, von Ethan verlassen zu werden. Also, was ich auch immer tat, interpretierte er völlig falsch. Auch nach Jahren weiß ich nicht, wieso mein Gehirn diesen einen Abend so verwischt. Selbst nach meinem Alkoholüberschuss gestern kann ich mich noch an jede Sekunde erinnern.

 

Mir fällt die Frau an Ethans Seite wieder ein. Wer sie wohl ist? Seine Freundin oder gar seine Ehefrau? Wollte er mir das mitteilen? Und wann wird er wiederkommen? Muss ich nun erneut mehrere Wochen auf ein Lebenszeichen von ihm warten? Das ist doch alles gequirltes AA!

Dass Amy unruhig ums Sofa läuft, bemerke ich erst, als sie bellt. Was ist denn nun schon wieder? 


(K)ein Gigolo zu Weihnachten!

 

24. Dezember

 

In mich gekehrt sitze ich am Esstisch, spiele mit den Fingern an der Pelle der Weißwurst, die am Rande des Tellers liegt, und starre auf den gläsernen, glänzenden Stern, der auf der Spitze des Christbaums prangt. Es gibt ihn schon immer, diesen Stern, zumindest seitdem ich denken kann. Aber wir sind nicht mehr vollzählig. Wenn ich ehrlich bin, ist sogar nur noch ein kleiner, mickriger Rest meiner Familie übrig geblieben. Ich frage mich, wem ich etwas angetan haben könnte und vor allem was, dass das Leben mich so bestraft. Denn das letzte Jahr hat eindeutig irgendjemand verflucht. So viel steht fest. Wenn ich an das letzte Weihnachtsfest zurückdenke, war es ein gänzlich anderes als das, das ich soeben erlebe. Der Einzige, der noch an Ort und Stelle sitzt, ist dieser gottverdammte Stern!

Wut, Enttäuschung und Trauer, das sind die Gefühle, die mich in diesem Moment übermannen. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu weinen. Alles hatte doch so wunderbar angefangen, wie konnte es nur so enden?

Anfang des Jahres verließ ich die Alpenprovinz und zog nach München, um endlich nicht mehr jeden Tag Stunden in der von Verspätung strotzenden bayrischen Regionalbahn verbringen zu müssen. Ich fand sogar, man mag es kaum glauben, ein halbwegs finanzierbares Einzimmerappartement. Es ist klitzeklein, aber es reicht mir. Die meiste Zeit verbringe ich ohnehin im Tierpark Hellabrunn, in dem ich als Tierpflegerin arbeite, und an den freien Tagen besuche ich meine Familie am Schliersee.

Ja, meine Familie! Sie zerbröselte über das Jahr hinweg wie ein trocken gewordenes Stück Kuchen. Zuerst stürzte meine Großmutter, brach sich dabei den Oberschenkelhals und wurde bettlägerig. Im Kreiskrankenhaus erlag sie nur wenige Wochen später einer Lungenentzündung. Die bisher rüstige Rentnerin war auf einmal nicht mehr da. Mein Großvater verkraftete ihren Tod nicht, erlitt am Tage ihrer Beerdigung einen Herzinfarkt und folgte seiner geliebten Frau auf die andere Seite.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, ging meine Mutter gegen Mitte des Jahres nur mal eben schnell an die Tankstelle, um Zigaretten zu holen, und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Na ja ... sie verschwand nicht wirklich spurlos, sondern setzte sich mit einem 20 Jahre jüngeren Kerl nach Teneriffa ab. Meiner Meinung nach schaute sie zu viel Prominews. Denn in denen wird immer wieder suggeriert, wie modisch es doch sei, einen knackigen Typen an der Seite zu haben. Herrgott noch mal, sie ist doch nicht J. Lo! Was hat sie sich dabei gedacht?


Zeitungsenten küssen besser!

Ich positioniere mich auf die mir angedachte Stelle. Will nickt zufrieden und geht auf seinen Arbeitsplatz. Neugierig luge ich hinter dem Stoff hervor. Massenhaft meiner Kollegen stehen hinter einer Absperrung und knipsen bereits, was das Zeug hält. Die Stars, die sie gerade vor die Linse bekommen, liegen leider außerhalb meines Blickfeldes. Wann Brian wohl eintrifft? Eine junge, sehr schlanke Dame geht auf die Reportermenge zu und gibt ein Kurzinterview. Von hinten erkenne ich die Leute immer sehr schlecht. Das Ratespiel beginnt: Wer ist sie wohl? Als sie sich leicht zur Seite dreht, erkenne ich sie. Es ist Brittany Jones, ein Model, das ich vor drei Monaten für Women CLEAR interviewte.

Der nächste Star, den ich zu sehen bekomme, ist ein Herr mit graumelierten Haaren. Ihn kenne ich nicht. Interessant, wer bei so einem Animationsfilm alles mitwirkt. Als Nächstes kommt eine Jungschauspielerin, deren Namen mir entfallen ist. Auch sie geht bereitwillig auf die Journalisten zu und beantwortet ihnen einige Fragen.

Weiter geht‘s mit einem groß gewachsenen Mann. Er trägt eine dunkelblaue Jeans, darüber ein schwarzes Jackett. Die Haare sind an den Seiten bis auf wenige Millimeter kurz geschoren, am Oberkopf trägt er sie länger. Sie sehen leicht zurück gegelt aus. Als er die Beine leicht spreizt, die Hände locker in die Hosentaschen steckt, beginnen meine Knie zu zittern. Diese Gestik ... dieser Look ... dieses Aussehen. Mein überlebenswichtigstes Organ pocht mit einem Mal so stark, dass ich Angst habe, es springt mir gleich aus der Brust. Nein, ich muss mich irren!

Ich kneife die Augen fest zu, atme mehrmals tief durch und luge wieder hinter dem Vorhang hervor. Es ist bestimmt eine Fata Morgana. Als sich der Typ leicht nach links dreht und ich ihn im Profil sehe, rauscht ein monströser Adrenalinschub durch meinen gesamten Körper. Logan Jenkins! Er ist es! Mir wird schlecht. Irgendetwas schnürt mir den Hals ab. Darauf war ich nicht gefasst. Was will der hier?

Plötzlich taucht Brian neben ihm auf. Er trägt ebenfalls eine dunkle Jeans, dazu ein schwarzes Jackett. Er ist um fast zwei Köpfe kleiner als Logan, dazu um einiges schmächtiger. Die beiden scheinen sich nicht zu beachten.

Als mein ehemaliger Herzensbrecher das Feld räumt und geradewegs auf mich zusteuert, greife ich ohne weiter darüber nachzudenken den Saum des Vorhangs und wickele mich darin ein. Ich fühle mich wie der Inhalt einer Frühlingsrolle. Der Stoff stinkt. BÄH! Gott, wie peinlich ich mich benehme. Ob er weg ist? Soll ich es wagen, nachzusehen?

„Lucy? Bist du da drin?“ Brians Stimme erklingt urplötzlich neben mir.


Zeitungsenten küsst man nicht!

„Ich werde mich sicher nicht mit dir in der Küche ablichten lassen“, äußert er etwas abfällig in Maries Richtung. Ist ihm das etwa peinlich? Jetzt versteh ich gar nichts mehr. „Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren.“

Nach dieser Aussage kann ich mich nicht mehr zurückhalten und gebe ihm Kontra. „Welchen Ruf denn bitte? Den eines drogennehmenden Gigolos, der seinen Lebensunterhalt bei einer meiner Meinung nach total absurden und realitätsfremden Serie verdient? Sich eine riesige Yacht als Potenzverlängerung kauft, um darauf Partys mit leichten Mädchen zu feiern? Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass Sie diesen Ruf haben wollen, vor allem nicht, wenn Sie vorhaben, irgendwann ernsthaft als Schauspieler in Hollywood durchzustarten. Denken Sie etwa, die warten dort auf so jemanden wie Sie? Ich kann Ihnen versichern, dass ist nicht so. Die Plätze für die abgestürzten Stars sind bereits besetzt. Und entweder Sie kapieren nun endlich, dass ich nur hier bin, um Ihnen ein möglichst wohlwollendes schriftliches Zeugnis auszustellen, oder ich verlasse nicht nur dieses Haus, sondern auch Miami auf der Stelle und werde mir noch einmal überlegen, ob ich die bereits verfassten Artikel über Sie so in Druck gebe oder nicht doch die Wahrheit über Sie schreibe, wie frauenverachtend Sie zum Beispiel mir gegenüber sind und waren.“ Meine Stimmbänder klingen noch in meinen Hals, als sich daneben bereits ein dicker Kloß bildet. Was habe ich nur getan? Zwar hat er diese Abreibung mehr als verdient, aber das könnte mich Kopf und Kragen kosten.

Für einige Sekunden ist es mucksmäuschenstill im Raum. Sicher wird er mich gleich von seinem Grundstück werfen und mir verbieten, überhaupt einen einzigen Artikel über ihn zu veröffentlichen. Marie sieht beschämt zu Boden. Logan legt den Arm um sie und küsst ihr Haar. Sie wusste wohl nicht, wie er sich benimmt, wenn sie nicht in Sichtweite ist. Bill könnte mir ruhig mal zustimmen!

Doch der räuspert sich, geht wortlos nach draußen und schenkt sich Champagner nach. Logan und Marie stehen schweigend vor mir. Ich fühle mich mehr als unwohl, stehe auf und gehe auf die Terrasse. Mit einem Schluck leere ich mein noch volles und mittlerweile warmes Glas. Der Alkohol rauscht durch meine Adern, flacht aber meinen rasenden Puls ein wenig ab.

Mit gesenktem Kopf entschuldige ich mich bei Bill. „Es tut mir leid, aber irgendjemand musste ihm endlich mal die Wahrheit sagen. Sie behandeln ihn wie ein rohes Ei, und Marie weiß, glaub ich, überhaupt nicht, wie er in Wirklichkeit tickt.“

„Ich stimme Ihnen zu“, murmelt Bill leise in seinen nichtvorhandenen Bart.

„Danke!“

„Können Sie sich nicht irgendetwas aus den Fingern saugen?“


Ein Topping für die Liebe

Am späten Nachmittag verziere ich den letzten Cupcake mit einem extra Spezial-Topping, nur für Jenni, und trage das Gebäck zu ihr nach oben ins Wohnzimmer. Sie wollte sich nur kurz hinlegen, aber nachdem sie nicht mehr auftauchte, war mir klar, dass sie wohl in eine Art Zuckerschock gefallen sein muss, nachdem sie zehn verschiedene Cupcakes in sich hinein stopfte.

Das Spezialküchlein hinter dem Rücken versteckt betrete ich den Raum. Sie liegt auf dem Sofa, die Hände über dem Bauch gefaltet, die Augen geschlossen. Ihr Anblick erinnert mich an einen Pharao in seiner Grabstätte. Leise schleiche ich mich an sie heran. Ihre Atmung ist seicht und gleichmäßig.

„Süße, bist du wach?“, flüstere ich ihr zu.

Sie öffnet ein Auge. „Nein, ich bin tot.“

„Sehe ich schon, aber ich hab hier was ganz Besonderes für dich.“

„Wenn es sich um was zu essen handelt, lehne ich dankend ab“, murmelt sie verschlafen.

„Jetzt kränkst du mich aber“, gebe ich beleidigt zurück.

Sie öffnet das zweite Auge. „Wieso?“

Ich halte ihr den Teller vor die Nase. „Das ist mein Spezialcupcake à la Jenni.“

Mühsam richtet sie sich auf, hält sich den Bauch und inspiziert das rosa Topping, das mit bunten Zuckerperlen garniert ist.

„Und? Was sagst du?“

„Das hast du wirklich ganz allein gemacht?“

„Wer denn sonst? Die Heinzelmännchen?“, frage ich flapsig.

Jenni lacht leise. „Möglich.“ Sie steht auf und nimmt mich in den Arm. „Nein, im Ernst, das sieht super aus und er schmeckt sicher mindestens genauso gut wie die fünf anderen, die ich bereits verputzt habe.“

„Du meinst zehn“, feixe ich.

„Sag ich doch“, gibt sie ernst zurück.

„Man kann sich natürlich alles schönreden.“

Jenni lässt sich nach hinten sinken und verzieht das Gesicht. „Sei mir nicht böse, aber ich bekomme keinen Bissen mehr runter.“

Ich streiche über ihre aufgeblasene Wange. „Schon gut, mein kleiner Vielfraß.“

Sie verzieht das Gesicht. „Wann willst du eigentlich eröffnen? Ich finde, du bist soweit. Das, was ich heute gekostet habe, war mehr als genial. Das sollte man der Welt nicht länger vorenthalten.“

„Findest du nicht, wir sollten zuerst das Familienproblem lösen?“, frage ich unsicher.

„Ach, das machen wir nebenbei“, antwortet sie energisch.

„Ich will nur nichts überstürzen.“

„Überstürzen? Der Laden ist renoviert, das Sortiment steht, da ist nichts mit überstürzen. Ich finde, morgen wäre ein guter Tag.“

„Morgen? Das geht nicht.“


Himbeerküsse auf Hawaii

Am späten Nachmittag kehren wir ins Hotel zurück. Der Hunger treibt uns ohne Umwege in den Speisesaal. Der Tag mit Annie war wunderschön. Ich lernte sie einmal von einer ganz anderen Seite kennen. Sie ist wirklich sehr facettenreich. Die Handfläche, mit der sie heute Nachmittag berührte, kribbelt immer noch ganz leicht. Irgendetwas hat diese Frau in mir ausgelöst. Ich kann dieses merkwürdige Gefühl jedoch nicht einordnen und verdränge es zunächst. Annie ist nach der Ankunft wieder stiller geworden, gedankenversunken stochert sie in ihrem Salat.

„Ist alles okay bei dir?“, frage ich nach.

„Ja, warum?“

„Weil du gerade deine Tomate bis zur Unkenntlichkeit zermatscht.“

Annie legt die Gabel beiseite und mustert mich mit ihren kristallklaren, leuchtend blauen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich sie detailgenau betrachte. Sie hat weiche, volle Lippen, eine kleine, süße Stupsnase, und das farbliche Zusammenspiel ihrer hellen Augen, der seidenen Haut und den dunklen Haaren lassen mein Herz auf der Stelle höher schlagen. Annie ist wirklich unwahrscheinlich hübsch! „Was gaffst du denn so?“ Ihre Frage reißt mich aus meinen Gedanken.

Ertappt blicke ich zu Boden. „Entschuldige, ich war ganz woanders.“

„Ach ja, wo denn?“, hakt sie nach.

„Ich fand unseren Ausflug heute übrigens sehr schön“, versuche ich, abzulenken.

„Ja, allerdings“, stimmt sie mir zu. „Wie wäre es, wenn wir morgen gleich noch einen machen?“

„Ich bin ganz der Deine“, antworte ich und verschlucke mich bei den Worten. Meine innere Stimme kichert. Ja, ich weiß selbst, dass dieser Satz schlecht gewählt war!

„Ganz der Meine klingt gut.“ Annie grinst. „Dann lass uns doch mal über die Liste schauen.“

Zwanzig Minuten später sind wir uns einig.

Annie strahlt übers ganze Gesicht. „Ein Nationalpark.“ Nach Wasseraktivität war ihr noch immer nicht zumute, was ich verstehen kann, also stimmte ich zu, mich mit ihr in unwegsames Gebiet zu begeben.

„Ich hoffe, du hast Wanderschuhe eingepackt?“, fragt sie mich.

„Ich?“

Annie erkennt ihren Fauxpas und lacht. „Wir werden in dem blöden Koffer schon was Passendes finden.“

Wortlos stimme ich ihr zu und merke wieder, wie unwohl ich mich in Liams Klamotten fühle. Mal ab-gesehen von seinen ätzenden Shirts ekelt es mich,

seine Unterhosen tragen zu müssen. Bäh! Ich sollte schleunigst einen Laden ausfindig machen.

„Dann werde ich mal zusehen, ob sie uns für morgen einen Leihwagen organisieren können“, sage ich und stehe auf.

„Warte, ich komm mit.“

Die Dame an der Rezeption beantwortet detailliert und überfreundlich all unsere Fragen. Natürlich steht ein Leihwagen für uns bereit. Also ist für morgen alles in trockenen Tüchern. Annie ist zufrieden, also bin ich es ebenso.

Vor der Treppe, die in den ersten Stock führt, bleibe ich stehen, um mich von ihr zu verabschieden. Als Annie bemerkt, dass ich ihr nicht mehr folge, dreht sie sich um, geht wieder einige Stufen nach unten und sieht mich fragend an.

„Ich wollte mich von dir verabschieden, dir eine gute Nacht wünschen und dir mitteilen, dass ich dich morgen früh wecken komme.“

„Willst du etwa wieder unter deine Palme?“ Ihre Frage klingt leicht spöttisch.

Von wollen kann keine Rede sein! „Hier in der Lobby kann ich wohl kaum schlafen“, murmele ich.

Annie kommt noch ein Stück näher und legt ihre Hand auf meine rechte Schulter. „Du kannst bei mir schlafen. Verabschiede dich von deiner ollen Palme und nimm die Couch im Vorraum.“

Alles, aber das hätte ich nun nicht erwartet! „Ist das dein Ernst?“, frage ich deshalb vorsichtig nach.

Annie lächelt. „Hallo? Du hast mir gestern das Leben gerettet. Wie könnte ich dich da noch den wilden Tieren aussetzen?“

„Welchen Tieren?“

„Das Zeug, was da draußen eben so kreucht und fleucht.“ Sie dreht sich um und geht wieder treppaufwärts. „Nun komm schon, Aiden. Ich weiß jetzt, dass du kein Massenmörder bist, also kannst du auch im Nebenzimmer schlafen.“

Kopfschüttelnd folge ich ihr. 


Black Diamond -Das geschenkte Leben

Derek feixt. „Wieso auf solch alten Kamellen herumreiten? Wo findet das alles statt?“

 

„Das wirst du noch früh genug erfahren. Wir werden dich abholen. Du wirst es also erst vor Ort erfahren“, antwortet Mossy ihm.

 

„Ich verstehe“, gibt Derek knapp zurück. Er wird sich doch nicht ernsthaft mit dieser Aussage zufriedengeben? „Darf ich wenigstens erfahren, wann das Ganze stattfindet, zumindest so ungefähr. Nicht, dass ich noch einen kleinen Urlaub plane und nicht da bin, wenn‘s heiß wird.“

 

„Es wird noch diese Woche passieren“, entgegnet Mossy.

 

Habe ich das gerade richtig gehört? Diese Woche? Ich bin sprachlos! So schnell? Ich kann es nicht fassen. Es fühlt sich so an, als würde sich unter meinen Füßen gerade ein Riesenloch auftun, in das ich unaufhaltsam hineinfalle. Warum sagte Mossy mir nicht, dass es schon so bald losgeht? In meinen Kopf herrscht Chaos. Wieso fragte ich ihn selbst nie, wann es soweit ist? Ließ Mossy mich mit Absicht im Unklaren? Wollte er mich nicht aufregen? Wollte er mich daran hindern, mich noch einmal anders zu entscheiden? Aber es ist doch alles noch vollkommen ungeplant. Was ist danach? Wo werden wir hingehen? Was ist mit Jordan? Und das Schlimmste ist: Was wird aus mir und Romeo? Nein, das darf alles nicht so schnell gehen. Ich brauche definitiv mehr Zeit. Bitte lieber Gott, lass Mossy flunkern. Ein Emotionscocktail der ganz besonderen Art fließt durch meine Adern. Ich weiß nicht, ob ich lachen, weinen, schreien oder winseln soll.

 

„Gut, dann machen wir es so“, höre ich Derek zu Mossy sagen. Das restliche Gespräch blendete ich völlig aus. Haben sie noch etwas ausgemacht? Plötzlich kommt Derek auf mich zu. „Ich würde gern unser Kind sehen.“

Mit einem Mal bin ich wieder hellwach. Das kann er ja mal so was von vergessen!


Black Diamond -Das gefälschte Leben-

 

Als ich Mossys Laden erreiche, sitzt mit der Angstschweiß noch immer im Nacken. Was sollen wir jetzt nur tun? Ich hoffe, er hat eine gute Idee, und vor allem muss er schnellstens diesen Verräter in seinen Reihen ausfindig machen. Sonst können wir alles vergessen, wirklich alles!

Ich bezahle den Taxifahrer, wobei meine Hände noch immer zittern, steige aus und betrete den Friseursalon.

Mossy kommt in Windeseile mit einem breiten Grinsen auf mich zu. Schön, dass wenigstens einer guter Laune ist. „Na, meine Liebe, was bringt dich an so einem fantastischen Tag zu mir?“, jauchzt er.

„Wir müssen dringend reden“, antworte ich.

„So wie du guckst, ist eben die Welt untergegangen.“ Er blickt an mir vorbei und sieht nach draußen. „Nein, ist sie nicht“, stellt er fest.

„Ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt“, erwidere ich ernst.

Mossy verzieht das Gesicht. „Komm mit mir nach hinten. Aber verdirb mir nur nicht meine gute Laune.“

Das kann ich dir nicht versprechen. Wenn er hört, was ich ihm zu berichten habe, wird auch ihm das Lachen vergehen. Wortlos folge ich ihm ins Hinterzimmer.

Mossy schließt die Tür hinter uns und fällt mir plötzlich in die Arme. „Das war gestern der Wahnsinn, oder?“

Im ersten Moment weiß ich nicht, was er meint.

„Ich konnte dem Waisenhaus heute Morgen einen riesigen Scheck überreichen, ist das nicht toll?“

Ach so, das meint er. Natürlich ist das toll! Ich habe es nur durch die ganzen Widrigkeiten schon wieder verdrängt. „Ja, das ist wirklich klasse, Mossy“, pflichte ich ihm bei, gebe ihm ein Küsschen auf die Wange und setze mich auf einen Stuhl.

 „Bist du wegen der Sache mit Romeo gestern so aufgeregt? Das war doch nicht so schlimm. Sag mir jetzt nicht, dass du dieses kleine Malheur nicht regeln konntest.“

Ich falte die Hände im Schoß und senke den Kopf. „Das ist das kleinste Problem, das wir gerade haben, glaub mir.“

Mossy geht in die Hocke und versucht, mir ins Gesicht zu sehen. „So, jetzt mal schön der Reihe nach. Konntest du das gestern Abend mit ihm regeln oder nicht?“

„Nein, konnte ich nicht.“

Er legt eine Hand auf meinen Oberschenkel und streicht darüber. „Und das heißt jetzt genau?“

„Dass Romeo sauer auf mich ist und erst wieder mit mir spricht, wenn ich mich ihm mehr öffne. Er sagt, er weiß nichts von meinem Leben und ich lasse ihn daran nicht teilhaben.“

Mossy atmet erleichtert aus. „Ach so. Das ist doch kein Problem. Er hat dir doch gesagt, was er von dir will.“

„Ganz toll, und wie soll ich das deiner Meinung nach anstellen? Ich kann ihn an meinem Leben nicht teilhaben lassen.“

„Dir wird schon was einfallen“, antwortet er mit ruhiger, mitfühlender Stimme. Er ist heute nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber warten wir mal ab, wenn ich gleich die Bombe platzen lasse.

Ich lege meine Hand auf seine, die noch immer auf meinen rechten Oberschenkel liegt, und sehe ihm tief in die Augen. „Mossy es ist besser, wenn du dich setzt.“

„Was? Wieso?“ Seine Augen weiten sich.

„Tu es einfach“, weise ich ihn an.

Er steht auf und nimmt mir gegenüber Platz. Seine Arme verschränkt er auf dem Tisch und sieht mich gespannt an. „So, da sitz ich nun - und jetzt?“

Ich hole tief Luft. „Derek hat mich gerade vor dem Diner abgefangen.“

 Mossys gute Laune löst sich augenblicklich in Luft auf, als er diesen Namen hört. „Und?“


Black Diamond -Das geheime Leben-

Ich werde dich jetzt leider verlassen müssen.“ Ich liege in Romeos Armen, und er drückt mich fest. „Sehr schade, aber die Arbeit ruft.“ Er küsst meine Stirn und streift mir sanft durchs Haar. „Du bist morgens noch viel hübscher. So zerwühlt, das ist ziemlich sexy“, grinst er. Er steht auf, und ich erhasche noch einen letzten Blick auf sein knackiges Hinterteil, bevor er sich die Hose anzieht.

„Und was machst du heute so?“, fragt er mich und bindet sich die Schnürsenkel.

„Ach, ich weiß nicht so recht. Meinen freien Tag genießen vermutlich.“

„Es war sehr schön bei dir.“ Romeo berührt noch einmal sanft meine Lippen mit seinen und geht zur Tür.

„Ich fand es auch sehr schön“, gebe ich zu und muss dabei nicht einmal lügen. Verdammt! Es war so schön, endlich einmal wieder neben jemandem einzuschlafen. Das Gefühl zu haben, gemocht zu werden. Menschliche Nähe, ja, das ist es, was mir gefehlt hat.

Als Romeo die Tür hinter sich schließt, fällt mir ein, dass ich ihn schon wieder nicht nach dem Schlüssel gefragt habe. Mist! Ich brauche ihn dringend. Oder ich wechsele einfach das Schloss aus! Zu heikel ist mir nun die Vorstellung, dass er bei mir ein- und ausgehen kann, wann immer er will.

Alles, was er mir gestern Abend erzählte, spukt nun wieder in meinem Kopf herum. Ich muss dringend mit Mossy reden. Ich schreibe eine Nachricht an die mir zuletzt bekannte Nummer. Fast täglich hat er ein neues Wegwerfhandy. Er ist furchtbar paranoid. Wobei ich mir das in der jetzigen Situation vielleicht auch für mich überlegen sollte. Wenige Sekunden später vibriert mein Handy und eine Rückantwort trudelt ein. Wie immer nur Zahlen. Wieder Koordinaten und diese Kombination kenne ich auswendig. Er befindet sich in seiner Loftwohnung in der Upper East Side. Die pompöse Behausung läuft natürlich nicht auf seinen Namen. Wie auch? Er hat ja keinen, also so offiziell.

 

Ich sprinte unter die Dusche, schmeiße mich in meine Lederwohlfühlklamotten und mache mich auf den Weg zu ihm.